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"..., denn ich führe sie und bringe sie zu erfrischenden Quellen, weil ich es gut mit ihnen meine."

Eine kleine Begriffskunde.

Eine Glosse von Maik Hager (Berlin, 19.09.2010)

In den letzten Wochen bin ich in der Schule des Öfteren mit dem Begriff Quelle konfrontiert worden. Bei Handouts zu Referaten und unter schriftlichen Hausarbeiten tauchte dieses Wort immer wieder auf.

Natürlich ist hier nicht die Flussquelle gemeint, schließlich ging es nicht um Erdkunde oder Biologie, sondern um Platon, Aristoteles, die Akropolis, den Rat der Europäischen Union, das Europäische Parlament usw.

 


Abbildung: Gedektafel an der Bregquelle;
Bild:
de.wikipedia.org

Die Angaben, die unter der Überschrift Quellen gemacht wurden, bezogen sich dabei auf Artikel aus der Wikipedia oder anderen Wörterbüchern, auf fachwissenschaftliche Aufsätze aus den Informationen zur politischen Bildung und auf Verfassertexte aus Schulbüchern.

Mit der vollen Inbrunst der Überzeugung sagten die Schüler mir, dass man das so machen müsse und dass es von den Kolleginnen und Kollegen auch so gefordert sei. "Ihr müsst eure Quellen angeben!"

Nur wenigen Kolleginnen und Kollegen - zumal sie fachfremd sind - scheint bekannt zu sein, dass es sich bei dem Begriff Quelle um einen geschichtswissenschaftlichen Fachbegriff handelt. Schon in Geschichtsbüchern der Mittelstufe wird zwischen Verfassertexten (VT) und Quellen (Q) unterschieden. Die einen sind das Produkt fachwissenschaftlicher bzw. fachdidaktischer Arbeiten, die anderen sind vor allem schriftliche Zeugnisse der Vergangenheit, aber auch Sachzeugnisse wie z. B. Bauwerke, Münzen, Schmuck, Malereien, Skulpturen und Gebrauchsgegenstände.

Wenn sich also ein Schüler mit dem antiken Athen beschäftigt hat, kann er dazu Quellen studiert haben, z. B. den Staat der Athener von Aristoteles oder auch Platons Werk über den Staat.

Meistens wird er jedoch auf fachwissenschaftliche bzw. fachdidaktische Darstellungen zurückgreifen, die die Thematik anschaulicher vermitteln können - was ja keine Schande ist. So machen es ja schließlich Studierende und Lehrer auch.

Die klare Unterscheidung zwischen Quellen und Darstellungen, ihr Zustandekommen, ihr Inhalt und der Umgang mit ihnen, muss jedoch klar vermittelt werden.

Quellen müssen systematisch analysiert und gedeutet (aufgearbeitet) werden. In den seltensten Fällen lassen sich aus ihnen direkt Sachinformationen entnehmen, da sie meist wertenden, vielfach auch manipulierenden Charakter haben (z. B. erzählende Quellen wie Geschichtsschreibungen). Quellen erschließen sich ohne vorherige Information über Darstellungen gar nicht.

Wenn man diese Unterschiede der Kategorien nicht klar und deutlich vermittelt bzw. von den Schülern erarbeiten lässt, werden sie nie verstehen, warum man unter ein Handout nicht "Quellen:", sondern "Literatur:" bzw. "Literaturverzeichnis:" schreibt.

Noch komplizierter wird die Angelegenheit übrigens, wenn man den Unterschied zwischen primären und sekundären Quellen klären möchte. Schließlich sind Aristoteles' Ausführungen über die solonischen Reformen keine zeitgenössische Geschichtsschreibung.

Doch das ist ein ganz anderes Problem.

Wer sich noch etwas ausführlicher mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte sich in die u. g. Literatur einarbeiten oder sich dieses sehr informative Video mit der Leitfrage "Was sind historische Quellen?" (segu, Modul 901, Historisches Institut Universität Köln) ansehen. 


Abbildung: Jean Auguste Dominique Ingres (1780-1867),
La source,1820-1856, Öl auf Leinwand, Paris, Musée d'Orsay
© Erich Lessing


Literaturhinweise:

Brunner, Otto u. a.: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, 8 Bd., München 2004.

Rauh, Robert, Methodentrainer Geschichte Oberstufe. Quellenarbeit - Arbeitstechniken - Klausurtraining, Berlin 2010.

s. v. Quelle (Geschichtswissenschaft), in: de.wikipedia.org.

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