"Spielen bedeutet in aller Regel,
in eine Welt abseits des Alltags einzutauchen."

Interview mit Stefan Stadler
zum Spiel Die Säulen der Erde

von Maik Hager und Nadin Zierau.

g-e: Herr Stadler, wie Sie in einem kurzen Vorgespräch sagten, sind Sie von Haus aus gelernter Buchhändler. Nun haben Sie zusammen mit Michael Rieneck das Gesellschaftsspiel "Die Säulen der Erde", das auf Ken Folletts Bestsellerroman beruht, entwickelt. Wie wird man eigentlich Spieleautor?

Stadler: Voraussetzung ist natürlich, dass man Spaß am Spielen hat. Ansonsten hat wohl jeder schon mal die Regeln eines Spieles den Bedürfnissen mitspielender Kinder angepasst bzw. Hausregeln für Spiele eingeführt. Dies ist im Grunde genommen der erste Schritt zum Spieleautor. Die Entwicklung komplett eigener Spielideen schlich sich bei mir dann Schritt für Schritt ein. Und zu guter Letzt muss man dann natürlich das Glück haben, dass die eigene Spielidee bei den Mitspielern gut ankommt oder gar in einem Verlag veröffentlicht wird.

g-e: Die Handlung des Romans und somit auch die des Brettspiels spielt im England des 12. Jahrhunderts - einer Zeit der erbitterten Auseinandersetzung zwischen englischer Krone und katholischer Kirche, in der Letztere im Jahr 1170 vorerst die Oberhand gewann. Das historische Setting ist somit sehr speziell. Haben Sie selbst ein besonderes Interesse an dieser Epoche oder an Geschichte im Allgemeinen?

Stadler: Als gelernter Buchhändler habe ich natürlich viel gelesen. Da wird das Interesse für historische Themen und Zusammenhänge ganz automatisch geweckt. Wegen der spielerischen Verbindung unseres Spiels mit dem Bestseller-Roman Die Säulen der Erde habe ich mich gründlich über den Kathedralenbau jener Zeit informiert, und ich hoffe, dass unser Spiel historisch einigermaßen korrekt ist.

g-e: Die Säulen der Erde hat den Deutschen Spielepreis 2007 gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Wenn man sich die Liste der vorherigen Preisträger und Platzierungen bis 2000 zurück ansieht, so fällt auf, dass Gesellschaftsspiele mit historischer Rahmenhandlung offensichtlich im Trend liegen. Was meinen Sie: Woher kommt diese Faszination für Historisches sowohl auf Seiten der Spieleautoren als auch bei den Spielern?

Stadler: Spielen bedeutet in aller Regel, in eine Welt abseits des Alltags einzutauchen. Das ist vergleichbar einem Besuch im Kino. Die Möglichkeit, in fremden Welten Abenteuer zu erleben oder andere Zeiten zu erfahren und dabei auf eine gewisse Art „Schicksal zu spielen“, reizt sehr viele Menschen. Kaum einer hat die Möglichkeit heutzutage aktiv beim Bau einer Kathedrale mitzuwirken; dies im Spiel selbst tun zu können, regt die Phantasie vieler Menschen an. Grundsätzlich eignen sich daher historische Themen sehr für ein Brettspiel, vor allem, wenn wie bei Die Säulen der Erde ein außergewöhnliches Thema wie der Kathedralenbau im Mittelpunkt steht.

g-e: Spiele mit historischer Rahmenhandlung wie z. B. Anno 1701 oder Die Säulen der Erde vermitteln ja auch ein gewisses Geschichtsbild. In Ihrem Spiel geht es um den Bau einer prächtigen Kathedrale. Welche historischen Inhalte lassen sich Ihrer Meinung nach mit Hilfe solcher Spiele gut vermitteln und wo liegen die Grenzen dieses Mediums?

Stadler: Beim Spielen steht eindeutig der Spielspaß im Vordergrund. Komplizierte historische Zusammenhänge lassen sich im Spiel nur sehr eingeschränkt abbilden. Geschichte ist sehr komplex. Wollte man diese Komplexität auch nur halbwegs auf ein Spiel übertragen, wäre das allenfalls noch geeignet für ein winzig kleines Häuflein von Freakspielern. Da ein Spiel immer auch abwechslungsreich sein muss, darf auch der Verlauf einer (Spiel-) Geschichte nicht fest stehen. Daher sind Spiele sicherlich der falsche Weg um den exakten Verlauf historischer Ereignisse nachzustellen. Allerdings lässt sich mit einem Spiel das Gefühl für vergangene Zeiten und die Unterschiede zur Gegenwart gut darstellen. Dabei ist die Historie aber nur die Tapete auf der das Spiel abläuft.

g-e: Das Mittelalter und der Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht sind ja auch Thema im Geschichtsunterricht. Der Geschichtsdidaktiker Andreas Waltenstorfer hat das Brettspiel „als vernachlässigtes Medium“ des Geschichtsunterrichts bezeichnet (siehe Praxis Geschichte 2/96, S. 70 f.). Glauben Sie, dass sich Die Säulen der Erde für den Einsatz im Geschichtsunterricht eignet? Was könnten SchülerInnen mit Hilfe des Spieles lernen?

Stadler: Da das Spiel auf der fiktiven Romanhandlung basiert, ist ein Einsatz im Geschichtsunterricht wohl schwierig. Sicherlich wird der Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht angedeutet, dies aber immer bezogen auf die Fiktion von Ken Follett, der natürlich schon in seinem Buch diesen Konflikt sehr vereinfacht dargestellt hat. Noch dazu stellen die Spieler in unserem Spiel keine gegnerischen Parteien dar, sondern bauen in friedlichem Wettstreit gemeinsam an der Kathedrale. Der Konflikt zwischen Staat und Kirche kann im Spiel nicht erfahrbar gemacht werden. Die Notwendigkeit, für ein Projekt wie den Bau einer Kathedrale gemeinsam tätig zu werden und auf allen Ebenen (Staat, Kirche, Gesellschaft) Unterstützung zu finden, lässt sich aber am Spieltisch durchaus erleben.

g-e: Die Informationen zur historischen Epoche in der Die Säulen der Erde spielt sind ja eher kurz gehalten - als Einstimmung auf das Spiel aber durchaus sinnvoll. Welche Materialien könnte z. B. der Kosmos-Verlag für LehrerInnen und SchülerInnen noch bereitstellen, um den Einsatz im Geschichtsunterricht zu erleichtern.

Stadler: Als Autor bin ich hier sicherlich der falsche Ansprechpartner, vor allem, da die Rechte am Text des Buches natürlich bei Ken Follett liegen. Sein Roman war auch vielfach Ausgangspunkt verschiedener wissenschaftlicher Arbeiten, allerdings sind mir keine Unterrichtsmaterialien zu seinem Buch bekannt. Ich kann zu diesem Thema immer das Kinderbuch Sie bauten eine Kathedrale von David Macauley (erschienen im Patmos-Verlag, Lizenzausgabe bei dtv) empfehlen. Hier kann man auf leicht verständliche Weise die vielfältigen Bedingungen und Notwendigkeiten beim Bau einer Kathedrale erfahren.

g-e: Vor der Brettspielversion gab es auf www.brettspielwelt.de bereits eine Onlineversion von Die Säulen der Erde. Auf der anderen Seite werden bekannte Computerspiele wie Anno 1701 als Brettspiel vermarktet. Das klassische Gesellschafts- bzw. Brettspiel kann trotz der Digitalisierung weiterhin seinen Platz behaupten. Woher kommt Ihrer Meinung nach diese ungebrochene Begeisterung und wie werden sich die Bereiche Computer-, Internet- und klassisches Brettspiel in Zukunft gegenseitig beeinflussen?

Stadler: Die Begeisterung lässt sich wohl am besten durch die soziale Komponente erklären: Auch wenn man über das Internet Computerspiele mit anderen weit entfernten Mitspielern spielen kann, wird dies nie das Erlebnis ersetzen, mit Mitspielern aus Fleisch und Blut zusammen zu sitzen und die Reaktion und Empfindungen hautnah mit zu erleben. Daher wird es sicherlich immer mehr Brett- und Kartenspiele geben, die zwar ihren Ursprung im elektronischen Bereich haben, aber ihre Faszination nur beim gemeinsamen Spielen am Spieltisch verbreiten. Erste Spiele, die die beiden Medien verbinden gibt es schon, dies wird sicherlich in den kommenden Jahren noch zunehmen.

g-e: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß und Erfolg bei der Entwicklung neuer spannender Spiele.

Links:

- Spielbericht: Die Säulen der Erde

- Internetseite des Kosmos Verlags

- Der Deutsche Spielepreis

- BrettspielWelt.de - Onlineversion von Die Säulen der Erde

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