Michael Rieneck und Stefan Stadler,

Die Säulen der Erde,

Brettspiel für 2-4 Spieler nach dem gleichnamigen Roman von Ken Follett,
Kosmos Verlag, Stuttgart 2006.

          

"England, Anfang des 12. Jahrhunderts. Prior Philip von Kingsbridge hat einen Traum: Er will die schönste Kathedrale des Landes bauen lassen. Dazu beauftragt er erfahrene Baumeister. [...]"

So beginnt also das Abenteuer rund um den Bau des mächtigsten und schönsten Gotteshauses Britanniens. In den Steinbrüchen, Kiesgruben und Wäldern rund um Kingsbridge schuften die Tagelöhner, um die dringend benötigten Rohstoffe heranzuschaffen. Zahlreiche Handwerker sind aus allen Gegenden des Landes an diesen Ort gekommen um den Baumeistern ihre Dienste anzubieten, die immer damit beschäftigt sind die Arbeit am Laufen zu halten und sich nebenbei auch noch um die Gunst der Mächtigen und Reichen bemühen müssen. Und dann ständig diese Geldsorgen! Als Baumeister hat man es schon schwer...

Michael Rienecks und Stefan Stadlers Spieleadaption des Bestsellerromans Die Säulen der Erde von Ken Follett, die bereits 2006 erschienen ist und nun in diesem Jahr mit dem Deutschen Spielepreis in der Kategorie Familien- und Erwachsenenspiel ausgezeichnet wurde, bietet auch all denjenigen, die das Buch nicht gelesen haben, einen spannenden und unterhaltsamen Ausflug in die mittelalterliche Welt. Sicherlich, es geht hier um Unterhaltung und nicht in erster Linie um Wissensvermittlung, aber genau diese Möglichkeit der Wissensvermittlung zu prüfen hatte sich die vierköpfige Geschichte-erforschen.de-Testspielerrunde zur Aufgabe gemacht.

Doch zunächst zur Ausstattung des Spiels und zum Regelwerk. Wie vielfach auch an anderer Stelle bemerkt, ist das Spiel überaus aufwendig illustriert. Die Abbildungen auf dem Spielplan und den Spielkarten lassen die Mitspieler in die Welt der Burgen, Klöster, und Kirchen eintauchen. Auch die Fachwerkhäuser, der Markt und schließlich die Holzgerüste und Kräne der Kathedralenbaustelle schaffen eine mittelalterliche Atmosphäre. Vor Begin des Spiels sind einige Vorbereitungen zu treffen: die Baustoffe müssen platziert werden, die Ereignis-, Handwerker-, Baustoff-, Vorteilskarten usw. müssen sortiert und bereitgelegt werden. Es gibt viel zu tun. Auch ein Blick in die umfangreiche aber gut lesbare Spielanleitung vorab des Spiels ist unbedingt ratsam (entgegen dem Hinweis auf Seite 3 derselben). Zumindest ein Spieler sollte die Anleitung einmal komplett gelesen haben und seinen Mitstreitern vor Beginn des Spiels einmal die grundsätzlichen Möglichkeiten erläutern, denn das Ziel des Spiels - den größten Anteil am Bau der Kathedrale bzw. die meisten Siegespunke - kann hier auf vielerlei Weise erreicht werden. Sich anhand der Anleitung durch das Spiel zu hangeln, könnte nach Meinung der Testspieler schnell zu Frust und Langeweile führen. Möglicherweise wäre eine Regeleinführung, die sich an der Ausdrucksform der Einleitung orientiert (Stichwort Geschichtserzählung), denkbar und sinnvoll.

Nachdem so eine gewisse Stimmung geschaffen ist, kann der Wettstreit um die besten Handwerker, die ergiebigsten Rohstoffquellen und die Gunst des Bischofs und des Königs beginnen. In sechs Runden entsteht so in der Mitte des Spielplans eine - leider eher schmucklose - Kathedrale (das das Gebäude unvollendet bleibt ist ausgeschlossen). Dabei können die Spieler durch geschicktes Handeln von Rohstoffen, die Einstellung versierter Handwerker, eine Audienz am Königshof u. v. m. versuchen, ihre Gegenspieler zu übertrumpfen. Durch die zahlreichen Handlungsoptionen und die Ausgewogenheit zwischen Strategie und Zufall bleibt das Spiel bis zur letzen Runde spannend.

Unsere erste Partie dauerte inklusive einer kurzen Regeleinführung immerhin drei Stunden. Alle Mitspieler waren dabei jedoch so begeistert, dass keiner die Zeit bemerkte und alle bereit waren - trotz vorgerückter Stunde - noch eine Runde zu spielen.

Nun zu der Frage in wie weit sich das Spiel im Geschichtsunterricht einsetzten lässt. Zuerst ist zu bedenken, dass das Spiel nicht für diesen Zweck konzipiert ist. Es ist kein Lernspiel und verfolgt keinerlei pädagogische Zielsetzung. Es dient primär der Unterhaltung und basiert auf einem historischem Roman mit fiktiver Handlung. Historisch ist eine mittelalterliche Kathedrale in einem Ort Kingsbridge nicht belegt. In der südenglischen Stadt Kingsbridge existiert zwar einige Kirchen, jedoch keine Kathedrale.

Im Spiel werden jedoch einige Begriffe, z. B. Berufsbezeichnungen, Titel, Gegenstände u. ä. genannt, die auch im Geschichtsunterricht näher behandelt werden sollen. Besonders die wirtschaftliche Zusammenhänge und Aspekte des mittelalterlichen Arbeitslebens könnten hiervon ausgehend untersucht werden: Was macht ein Glockengießer oder Glasbläser? Welche Rohstoffe und Baumaterialien werden für den Bau der Kathedrale verwenden? Was ist ein Markt? Was sind Steuern? Was ist eine Manufaktur?

Ausgehend von diesen Begriffen kann der Unterricht im Themenfeld Mittelalter weiterentwickelt werden. Gegenwartsbezüge könnten z. B. durch den Besuch einer Dombauhütte oder eines Dombaubüros oder die Vorstellung von auch heute noch ausgeübten Handwerksberufen hergestellt werden.

Auffällig ist, das im Spiel die Funktion des Gebäudes und das Thema Christentum kaum behandelt werden. Welchem Zweck die Kathedrale dienen soll, bleibt völlig offen. Aspekte des mittelalterlich-christlichen Glaubens werden völlig ausgeblendet. An dieser Stelle müssten von der Lehrerseite aus sicherlich die meisten Informationen nachgetragen werden, zumal eine Kenntnis christlicher Glaubensinhalte bei den Schülern heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann.

In einer letzten Phase sollten die Schüler lernen, das Medium eigenständig auf seinen "historischen Wahrheitsgehalt" zu prüfen und Ungereimtheiten oder Fehler benennen können. Dem Spielspaß wird dies sicherlich keinen Abbruch tun, jedoch die Urteils- und Kritikfähigkeit der Schüler stärken helfen.

Inzwischen ist eine Spielerweiterung erschienen, die noch mehr Handlungsmöglichkeiten bietet, weitere mittelalterliche Themen erschließt (z. B. die Kreuzzüge, den Überseehandel, Kunst- und Architektur) und die Spielerzahl auf maximal sechs Personen erweitert.

Für den Unterrichtseinsatz wäre u. U. auch ein Projekt "Gesellschaftsspiele mit historischer Rahmenhandlung" (Schwerpunkt Mittelalter) denkbar, in dem die Schüler je nach Neigung verschiedene Spiele testen und bewerten könnten.

Fazit: Das Spiel bietet einen hohen Unterhaltungs- und Motivationswert. Im Kanon der geschichtsdidaktischen Medien vom Schulbuch bis zum Rollenspiel bietet es eine gute Ergänzung und Erweiterung. Bisher gibt es leider noch zu wenig fachdidaktische Analysen, die sich speziell mit dem Einsatz von Brettspielen im Geschichtsunterricht beschäftigen (siehe: Menke, in: Geschichte lernen 23/91; Waltensdorfer, in: Praxis Geschichte 2/96, Bernhardt, 2003). Das vorliegende Spiel ist jedoch eine gute Ausgangsbasis für weitere fachdidaktische Untersuchungen, die vielleicht auch mehr aus der Praxis heraus erfolgen müssen.

Maik Hager
Mit freundlicher Unterstützung von:
Manuela Hager, Nadin Zierau und Frederike Zierau.

Links:

- Interview mit Stefan Stadler, Mitautor des Spiels Die Säulen der Erde

- Internetseite des Kosmos Verlags

- Der Deutsche Spielepreis

- BrettspielWelt.de - Onlineversion von Die Säulen der Erde

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