Judith Wolfsberger,

Frei geschrieben.
Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten,

UTB / Böhlau Wien, Stuttgart 20092.

 

Die Schreiboffenbarung:
Schreibtrainerin Judith Wolfsberger bringt Studenten in Top-Kondition

Training macht den Meister, das ist auch beim Schreiben der Fall. Wer nie schreibt, der weiß auch nicht, wie’s geht. Woher auch? Für Studierende gehört das Schreiben zum täglichen Brot, und wenn’s in Zukunft mal mehr sein soll als Brot, dann muss irgendwann auch die sagenumwobene Abschlussarbeit sein. Davor gibt’s jede Menge kleinere Schreibhürden wie Seminararbeiten, Hausaufgaben und so weiter, die manchen Studierenden für das letzte Großprojekt Mut machen, vielen aber eher die Haare zu Berge stehen lassen.

Auf und Ab in der Schreibgeisterbahn

Schreiben?? Das kann ich nicht. Wie fang ich an? Wie schreib ich’s hin? Was ist, wenn’s falsch ist? Jeder Satz wird zur Qual und das weiße Blatt wird einfach nicht voll, jeder Blick auf die Worte- und Zeichenanzahl verhöhnt den Studierenden, doch der Kopf ist leer. Und dann die Angst. Ich schaff’s nicht. Das wird nie was, aber es wird sich schon ausgehen, ich hab’ ja noch ein wenig Zeit. Und kurz vor dem Abgabetermin kommt dann die Panik. Also wird noch schnell ein bisschen etwas zusammengesucht, ein paar Zitate eingebaut und fertig ist ein Schreibsammelsurium, das wahrscheinlich weder recht schön geschrieben ist, nett zu lesen erst recht nicht. Kommt dann auch noch eine schlechte Note hinzu, ist die Meinung des Studierenden schon gefestigt: Schreiben ist die Hölle.

Nein! Sagt die Schreibtrainerin Judith Wolfsberger. Schreiben braucht Mut und um diesen Mut geht es in ihrem Buch „Frei geschrieben“. Außerdem benötigt der erfolgreiche Schreiber innere Freiheit und pragmatische Strategien, dann wird er, so meint Wolfsberger, den Schreibprozess als produktiv, spannend und freudvoll erleben (S. 13). Judith Wolfsberger studierte Geschichte und lernte während eines Studienaufenthaltes in Berkeley die angelsächsische Schreibförderung an Hochschulen kennen und schätzen. In Berlin und in den USA absolvierte sie eine Ausbildung zur Schreibdidaktikerin und leitet inzwischen in Wien ihr „writers’ studio“ (siehe www.writersstudio.at).

Ins kalte Wasser

Gleich zu Beginn bietet die Autorin einen „schnellen Einstieg“. Wenn du frustriert bist, dann lies Kapitel zwei und drei. Wenn du in Zeitnot bist, schau’ dir Kapitel vier an. Wenn du deinen Schreibfluss aktivieren willst, lies zuerst die Kapitel sechs, zwölf usw. (S.10). Für jedes Schreibproblemchen und Wehwehchen bietet Wolfsberger das passende Heilmittel, schnell, anschaulich und ohne vorher Arzt, Apotheker oder Professor konsultieren zu müssen. Auf übersichtlichen 259 Seiten erklärt die Schreibtrainerin in zweiundzwanzig Kapiteln, wie man vom hoffnungslosen Schreib-Griesgram zum lustvollen Schreibakrobaten wird. Schon im ersten Kapitel „There is hope“ erhebt sie den Anspruch, wie jeder allen Widrigkeiten zum Trotz seine Abschlussarbeit meistern kann. Sie fordert von den Studenten die „Schreib-Staumauer“ zu durchbrechen, das eigene Denken sichtbar zu machen, Schreiben als Handwerk zu betrachten und bietet Tricks Methoden und Know-how. Finden Sie Ideen, entwickeln Sie eine Struktur, schreiben Sie einen Rohtext, überarbeiten Sie Ihren Text, holen Sie sich Feedback, nochmal korrigieren und dann abschließen. Ganz einfach liest sich der Schreibverlauf bei Wolfsberger. Jedes Kapitel ist nach dem gleichen Schema aufgebaut. In ihrer jahrelangen Coaching-Erfahrung hat Wolfsberger zahlreiche Schwierigkeiten ihrer Schreibschützlinge gesammelt. Und jedes Problem wird nun zum zentralen Thema in den Kapiteln. Die scheinbar unlösbaren Hindernisse werden zunächst vorgestellt – auf einfühlsame, leicht verständliche Weise, sodass so mancher Leser sich bei der Lektüre zustimmend kopfnickend erwischen wird. Dann bietet die Autorin Lösungsvorschläge an. Doch nicht einfach nur: tun Sie dies oder das… Der Leser hat das Gefühl, endlich versteht mich jemand, ja, die weiß genau, wo meine Probleme liegen. Dankbar und endlich verstanden nimmt man Wolfsbergers Ratschläge gerne an und muss ihnen auch sogleich Folge leisten, denn ein Kapitelbereich heißt „Jetzt bist Du dran!“.

Diese Kategorie reicht von „Kräfte sammeln“, ein Notizbuch oder einen Zeitplan anlegen, den perfekten Schreibort finden, mit geschickten Schreibübungen trainieren, gezielt Pausen einhalten, bis zur Selbstreflexion über das fertig geschriebene Werk. „Dabei handelt der Band nahezu sämtliche wissenschaftliche Aspekte ab: praktische, theoretische, institutionelle, methodische, psycho-ogische“ (siehe Roßbach, 2008).

Genial einfach – Einfach genial!

Besonders hilfreich: die „geniale Schreib-Methode“, gleich neun Möglichkeiten stellt die Autorin vor, wie zum Bespiel „Morgenseiten“. Dabei soll der angehende Schreibprofi möglichst jeden Tag gleich nach dem Aufstehen einige Zeilen verfassen. Einfach alles niederschreiben, was einem durch den Kopf geht, der Hand den Freiraum geben, um im Kopf Freiraum zu schaffen. Der zweite Geniestreich befasst sich mit der Forschungsfrage. Wolfsberger bezeichnet die Forschungsfrage als Schlüssel zu einer erfolgreichen Arbeit, dieser macht das zu Schreibende „handhabbar und wissenschaftlich stichfest“. „Thema, Materialsuche und Lektüre können entlang einer Forschungsfrage sinnvoll eingeschränkt werden, eine Gliederung entwickelt werden“ (S.83). Die Schreib- und Denkmethode Clustering ist „Geniale Schreib-Methode“ Nummer vier. Ein leeres Blatt Papier wird so schnell und sicher zu einem Ideenpool, der dabei hilft Gelesenes und Gedachtes zum Forschungsthema anzukurbeln und in geordnete Bahnen zu lenken. Für Leute, die’s besonders eilig haben, ist die Lesemethode SQR gedacht. Survey – Question – Read bedeutet sich in rund zwei Minuten einen ersten Eindruck von einem Buch zu verschaffen, dann führt man mit dem Buch ein Interview durch. Gibt es die richtigen Antworten auf das, was man für seine Arbeit wissen will? Wenn ja, dann nimmt man sich noch circa zwanzig Minuten Zeit, um das Buch genauer unter die Lupe zu nehmen und schon weiß man, welche Kapitel und Seiten für das eigene Schreibprojekt nützlich sind. Wer Probleme mit dem Schreibfluss hat, dem kann geholfen werden – mit Freewriting. Dabei schreibt man einfach drauflos. Thema wählen, eine viertel Stunde Zeit nehmen und alles aufschreiben, dabei nicht auf Grammatik- oder Rechtschreibfehler achten, schreiben, schreiben, schreiben, bis man sich hemmungslos aller Ängste entledigt, das Papier und den Stift als Verbündete sieht. Die Konzentration liegt auf dem Inhalt, nicht auf verbalen Schnörkeln, voilà, eine erste Textvariante ist geboren. Gemeinsam stark – ist das Motto des Schreibmarathons für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Dabei nutzt man die Energie und Motivation einer Gruppe, um in einem festgesetzten Zeitrahmen seine Technik und seine Schreibmuskulatur auf Vordermann zu bringen. Text-Feedback lautet das Zauberwort, um bei seinem Manuskript wieder klar zu sehen und um bestens gerüstet sein Werk zu vollenden. Dabei schlägt die Schreibtrainerin eine überschaubare Runde vor, die sich in stetigen Treffen gegenseitig mit respektvoller Kritik anleitet. Die letzte „Geniale Schreibmethode“ nimmt sich nun der Schönheit an. Ein Schreibprozess kann lange dauern, es ist, trotz Glückshormone, ein anstrengender Verlauf, der einen manchmal ziemlich mitnimmt. Doch das gilt nicht nur für den Schreiber, auch der Text braucht Erholung, um dann vor der Präsentation, dem krönenden Abschluss, noch einmal perfekt gestylt zu werden. „Die vier Verständlichmacher sind Einfachheit, Prägnanz, Struktur und Leseanreize“ (S.222).

Pflichtliteratur für schreibwillige Schreibmuffel

All ihre Tipps hat Judith Wolfsberger bei „Frei geschrieben“ sicherlich auch selbst angewandt und es hat sich gelohnt – für jeden Studierenden, der schon einmal an Einführungsliteratur gescheitert ist. Rein optisch lädt das Buch schon zum Schmökern ein und zieht den Leser spätestens beim „Schnellen Einstieg“ auf Seite zehn in seinen Bann. Denn auch die Zeit der Studierenden ist knapp bemessen und umso ärgerlicher ist es, wenn unnütze Literatur die wertvollen Stunden zunichtemacht, die der künftige Akademiker wohl lieber in sinnvolle Recherche etc. investieren möchte. Judith Wolfsberger bietet zwei Möglichkeiten ihr Buch zu erleben. Entweder „du folgst mir einfach auf der Reise von einem Kapitel zum nächsten: von der Wut über Unzulänglichkeiten der Schreibsituation an unseren Unis zu neuen Methoden und Ansätzen, die das Schreiben erleichtern, hin zu einer möglichen Leidenschaft für das Schreiben“ (S.11) oder man überfliegt die übersichtliche Inhaltsangabe sowie den praktischen „Schnellen Einstieg“. Jedes Kapitel startet mit einem hübsch gestalteten Deckblatt – ein Sonnen- oder Blumensymbol sorgt für einen Hoffnungsschimmer am Schreibhorizont und ein positives Gefühl im Bauch, dazu gibt’s in kurzen Sätzen eine Einführung, womit sich das Kapitel befasst, und obendrein noch ein hübsches Zitat, das den gleichen Zweck erfüllt wie das Sonnen- oder Blumensymbol, der Leser fühlt sich verstanden und unterstützt – man freut sich auf die Lektüre. Weder unnötige Fremdwörter noch böse, komplizierte Satzstellungen stören den Lesefluss. Jede Information wird federleicht im Gehirn gespeichert, keine entbehrlichen akademischen Floskeln machen es schwer die Inhalte und Kernaussagen zu verstehen. Formale Tipps zur Gestaltung eines Inhaltsverzeichnisses, der richtigen Zitierweise oder Ähnlichem sucht man vergebens, nachdem das Buch aber die Ambition stellt „Mut, Freiheit & Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten“ zu liefern und man durchaus von einem Studenten in diesem Abschnitt des Studiums erwarten kann über derlei Dinge Bescheid zu wissen, kann man getrost über dieses Manko hinwegsehen. Zumal die Autorin am Ende jedes Kapitels weiterführende Literatur empfiehlt, die das soeben erworbene Wissen vertiefen soll. Wie schon erwähnt, verwendet Judith Wolfsberger ihre Erkenntnisse aus ihren Schreibseminaren als Grundlage für „Frei geschrieben“. Allerdings mutet die Lektüre stellenweise etwas langatmig an, wenn sie ihre Lebenserfahrung in kleinen Anekdoten zum Besten gibt. Die Eigenwerbung verzeiht man ihr angesichts der wertvollen Hilfeleistung in jedem einzelnen Kapitel gerne. „Der Autorin ist eine ganz hervorragende Hilfestellung für Studies gelungen, deren Lektüre dringend empfohlen wird. Frei Geschrieben hat stets die passenden Worte und umsetzbare Tipps parat“, meint Florian Vollmers von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Meinung kann man sich voll und ganz anschließen, vor allem, weil sich die im Buch enthaltenen Weisheiten problemlos auf alle Textarten ummünzen lassen.

Selbst ist der Schreiber!

Beim ersten Blick, besonders wenn man das Cover-Bildchen und die gestalterische Aufmachung berücksichtigt, könnte man zum fälschlichen Schluss kommen, „Frei geschrieben“ sei von einer Frau für Frauen verfasst. Auch die psychologischen Ansätze erinnern oft an Ratgeber – Kolumnen in diversen Frauenzeitschriften. Man muss sich eben auf Wolfsbergers Stil einlassen, um das Buch in seiner wahren Größe, Einfachheit und Brillanz zu erfassen. Bei guten Ratschlägen verhält es sich oft wie bei homöopathischer Medizin, ein bisschen Glaube an sich und an die Ratgeberin muss man schon haben, damit’s funktioniert. Die rund siebzehn Euro für „Frei geschrieben“ sind recht gut investiert, wenn man bedenkt, wie viel fünfzig Minuten auf der Couch eines Psychologen kosten, weil man die lebenslangen Schuldgefühle aufgrund eines abgebrochenen Studiums und die andauernden Vorwürfe der lieben Eltern nicht mehr erträgt. Den besten Tipp hat sich die Autorin für den Schluss aufgehoben: „Nimm dein Leben in die Hand, indem du dich schreibend immer wieder stärkst und erdest. Es gibt nichts Besseres, als beim tagebuchartigen Schreiben zu erkennen, wo du gerade stehst, was der nächste Schritt ist und wo du eigentlich hin willst. Schreib also weiter!“

Christina Mair

Christina Mair studiert Geschichte mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaft an der Universität Salzburg. Sie ist Absolventin der Oberösterreichischen Journalistenakademie. In der Vergangenheit hat sie bereits als freie Journalistin und Fernsehmoderatorin gearbeitet. Z. Z. arbeitet Frau Mair als Pressereferentin.

 

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