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„Wer sich in die Gewalt eines anderen kommendiert“
Zur Didaktik des Mittelalterunterrichts am Beispiel des Lehnswesens (Fortsetzung)

von Prof. Dr. Thomas Martin Buck (PH Freiburg)

8.  Das mittelalterliche Lehns- und Benefizialwesen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Lehnswesen, dessen Entstehungsgeschichte ich hier in meiner Arbeit exemplarisch an einer kleinen Quelle darlegen wollte, ist daher am besten als vorstaatliche, auf wechselseitigen personalen Bindungen beruhende Organisationsform von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu begreifen. Wichtig ist vor allem, dass es eine den mittelalterlichen „staatlichen“ Verhältnissen adäquate Herrschaftsform gewesen ist, die man aufgrund fehlender historischer Voraussetzungen nicht einfachhin auf die Gegenwart übertragen oder mit ihr vergleichen kann. Denn den modernen institutionellen Verwaltungs-, Rechts- und Flächenstaat, wie er im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit im Reich über die Territorien entsteht, gab es im Mittelalter nicht, da wir es mit einer „personal organisierten politischen Welt“ zu tun haben.[79] Man hat demgegenüber in der älteren Forschung idealtypisch von einem »Personenverbandsstaat« gesprochen. Der mittelalterliche Staat ist ferner, darauf hat Otto Brunner hingewiesen, durch einen dualistischen Gewaltenaufbau gekennzeichnet. Es gibt neben der „staatlichen“ auch eine nicht-staatliche Gewalt, z. B. die Fehde, die als legitimes Rechtsmittel galt. Es gibt ferner kein Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit und keine Exekutive im Sinne eines Erzwingungsstabes. Erst der Wormser Reichstag von 1495 hat die Fehde als legitimes Rechtsinstitut in ihrer Geltung ausgesetzt. Zuvor haben wir es mit einer Zerstückelung der Souveränität des „Staates“ zu tun.

Die Frage nach dem Lehnswesen und seiner Entstehung ist insofern nicht von der Frage nach der „Staatlichkeit“ im Mittelalter zu trennen. Die Ursprünge der Lehns- und Vasalleninstitutionen sind nicht von ungefähr im fränkischen Reich der Merowingerzeit zu suchen. Denn im 6. und 7. Jahrhundert litt der fränkische Staat sehr häufig an mangelnder Stabilität, und oft herrschten aufgrund des fränkischen Prinzips der Reichsteilung geradezu anarchische Zustände, wie man etwa in den „Historien“ Gregors von Tours nachlesen kann. Das wurde zu einer ständigen und stets sich erneuernden Quelle der Unsicherheit. Eine auch nur ansatzweise vorhandene „öffentliche Gewalt“ gab es in der Regel nicht. Weil die Menschen – die pauperes und minus potentes der Quellen – gleichwohl Schutz und Sicherheit benötigten, kam es zur Bildung von Klientelverhältnissen, die wir bereits aus der römischen Geschichte kennen. Es gab daher viele, die Schutz und Schirm nötig hatten und irgendeinen Mächtigen darum baten.

Die Kehrseite solcher Schutzgewährung – und hier deutet sich eine Weiterentwicklung des Lehnswesens an – war immer irgendeine Form der Dienstleistung. Wichtig ist, dass es Freie sind, die sich in den Schutz oder in den Dienst anderer Freien begeben. In einer Zeit, in der der Ackerbau die wirtschaftliche Tätigkeit und die Quelle des Reichtums war, konnte man sehr wohl auf den Gedanken kommen, dem Kommendierten zur Sicherung seines Unterhalts ein Stück Land zu überlassen, das so genannte „Lehen“.

Das beneficium (von bene facere) war in diesem Sinne eine „Wohltat“.[80] Man spricht daher statt von Lehns- auch von Benefizialwesen. Das Lehnswesen besteht demnach aus einem persönlichen Element (Kommendation, Treueid) und einem dinglichen Substrat (Lehen, Benefizium oder Feudum). Der Vasall konnte erst durch eine gegenständliche Übergabe (traditio) des Benefiziums Rechte an demselben erwerben. Diese traditio bestand in der Übergabe eines das Benefizium symbolisch darstellenden Gegenstandes an den Vasallen. Eine handhafte Handlung war notwendig, um ein dingliches Recht zu begründen. Im Falle der Belehnung war diese symbolische Handlung, durch die die Belehnung vollzogen wurde, die so genannte „Investitur“.
Seit der Merowingerzeit hat die fränkische Gesellschaft die Vasallität in Form einer Institution gekannt, die Verbindlichkeiten schuf, welche auf wechselseitige Treue und Dienst lauteten. Ebenfalls war ihr eine Form der Leihe auf Lebenszeit, das Benefizium, bekannt. Im Laufe der Karolingerzeit verbinden sich die beiden ursprünglich unabhängigen Institutionen. Von nun an kann man von karolingischem Lehnswesen sprechen.

Das Lehnswesen war vor allem im Kerngebiet des fränkischen Reiches zwischen Rhein und Loire verbreitet. Entstanden ist das Lehnssystem im 8. und 9. Jahrhundert im Karolingerreich, wobei die beiden Institutionen der Vasallität und des Benefiziums eine Verbindung eingingen. Zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert erreichte es dann seine klassische Ausprägung.

 


[79] Reinhard (wie Anm. 44) S. 31.

[80] Man denke in diesem Zusammenhang an Walther von der Vogelweide und seinen Ausspruch: Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lêhen: nû enfürhte ich niht den hornunc an die zêhen und will alle boese hêrren dester minder flêhen. Ich hab mein Lehen, Gottnochmal, ich hab mein Lehen. Jetzt brauch ich nicht mehr furchtsam in den Frost zu sehen und reichen Knickern um den Bart zu gehen [Übertragung von Peter Rühmkorf].

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