„Heinrich, einst Herzog von Baiern und Westfalen“

Die Gelnhäuser Urkunde als Dokument für die Macht und Entmachtung Heinrichs des Löwen.

Bei der sog. Gelnhäuser Urkunde (U 35 - D FI 795) handelte es sich um ein Diplom (gr./allg.: gefaltetes Schreiben) des deutschen Königs und Kaisers Friedrich I. Barbarossa (1152 - 1190). Das ursprüngliche Schreiben war eine Ausfertigung der kaiserlichen Kanzlei, beurkundet vom kaiserlichen Hofkanzler Gottfried, in Vertretung für des Erzkanzler Deutschlands und Erzbischof von Mainz, Christian. Sie wurde am 13. April 1180 auf dem Reichstag in der Pfalz zu Gelnhausen, gelegen in der Nähe von Frankfurt/Main, ausgestellte und war vermutlich für den Erzbischof von Köln, Philipp von Heinsberg, bestimmt.

Das Original dieser für die Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches bedeutenden Urkunde ist verschollen. Nach Angaben Fritz Rösslers gelangte das Schriftstück zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zunächst vom Düsseldorfer Hauptstaatsarchiv in das Staatsarchiv nach Magdeburg und wurde von dort aus zur sicheren Verwahrung in das Bergwerk Hardmersleben gebracht. Dort verliert sich die Spur, so dass im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass die Urkunde an ihrem letzten Aufbewahrungsort vernichtet wurde. Doch bereits vor ihrer mutmaßlichen Zerstörung war die Urkunde bereits im Mittelalter durch Feuchtigkeitsschäden stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Zur Textrekonstruktion, Übersetzung und  Interpretation mussten daher Abschriften aus dem 14. Jh. verwendet werden.

Durch die Beschädigungen, die vorwiegend den erzählenden Teil, also den Bericht über die Verfahren gegen Heinrich den Löwen, betrafen, ist es in der Vergangenheit immer wieder zu umfangreichen Diskussionen gekommen. Ferdinand Güterbock hat in diesem Bezug maßgebliche Arbeit geleistet und die meisten Probleme klären können. Seiner Auffassung folgt die heute maßgebliche und auch dieser Arbeit zugrunde liegende Edition von Heinrich Appelt.

Die Urkunde informiert den Leser nicht nur über die Teilung und Neuverteilung des ehemaligen Stammesherzogtums Sachsen, das hier als Herzogtum „Westfalen und Engern“ umschrieben wird, sondern auch über die unmittelbare Vorgeschichte des Geschehens. Ursache und Wirkung treffen hier in bemerkenswerter Form aufeinander. Im erzählenden Teil des Diploms (Narratio) wird von den zwei Prozessen gegen Heinrich den Löwen, „einst Herzog von Baiern und Westfalen“ berichtet. Ein erstes Verfahren wurde aufgrund seiner Vergehen gegen die Kirche und die Adligen, deren Freiheit und Rechte er gemindert habe, auf Betreiben der Fürsten gegen ihn initiiert. Der Herzog sei nun dreimal geladen worden, habe es aber „verschmäht“, sich dem Gericht zu stellen. Daraufhin sei er „wegen dieser Widerspenstigkeit“ von den Fürsten und „schwäbischen Standesgenossen“ verurteilt worden und ihrer Acht verfallen. Die Beschreibung dieses ersten Verfahrens, das meist als Landrechtsverfahren bezeichnen wird - die Bezeichnung Verfahren nach Stammesrecht ist nach meiner Meinung jedoch passender - führt uns in das Jahr 1178.

Nach der Rückkehr des Kaisers aus Italien (5. Italienzug 1174-78), zwei Jahre nach den Zusammentreffen Friedrichs I. mit Herzog Heinrich in Chiavenna und der Niederlage des Kaisers bei Legnano (1176), heilt er im November einen Reichstag in Speyer ab. Hier kam es nun zur Annahme der Klage der Fürsten gegen Heinrich. Die Urkunde verschweigt jedoch, dass in Speyer beide Parteien erschienen, um Klage einzureichen, Friedrich jedoch geneigter war, auf die Klage einer größeren Anzahl von Edlen einzugehen. Dies lässt sich unter anderem durch das gespannte Verhältnis zwischen dem Kaiser und Herzog Heinrich erklären.

Friedrich hatte die Demütigung von Chiavenna sicherlich nicht vergessen. Sie musste ihm, dem „unüberwindlichsten“, „unbesiegten Römischen Kaiser“, immer noch bewusst sein. Gleichzeitig waren die Kämpfe in Sachsen 1177 neu entbrannt. Es ist zu vermuten, dass, obwohl es eine breite und starke Opposition gegen den Herzog von Sachsen und Baiern gab, Heinrichs Widerstand enorm gewesen ist. Die militärische Auseinandersetzung der Bischöfe von Köln und Halberstadt gegen Heinrich um die Herausgabe der Halberstädter Kirchnelehen stellte eine langwierige Konfrontation in Aussicht und schien keinen guten Verlauf zu nehmen. Schließlich begann nun mit der Annahme der Klage der Fürsten der Prozess gegen Heinrich den Löwen. Die Urteilsfinder in diesem Verfahren waren, wie es die Urkunde wiedergibt das „Gericht der Fürsten und seiner [Heinrichs] Standesgenossen“. Es handelte sich also um eine „Stammesangelegenheit“ und wurde demnach in korrekter Form, wie man der Urkunde entnehmen kann, nach Stammesrecht entschieden. Die Bezeichnungen Land- und Lehnsrecht sind dagegen Begriffe, die ihre Ausprägungen erst 13. Jh. erlangten. Die Zweiteilung des Rechts bestand, wie wir anhand der Gelnhäuser Urkunde erkennen können, bereits im 12. Jahrhundert, die Festlegung dieser strengen Teilung setzte jedoch erst mit der Kodifizierung des Rechtsgutes allgemein ein. Der Sachsenspiegel des Eike von Repgow (1180/90-1233) von 1221/24 weißt als Erstes eine Aufschlüsselung nach Land- und Lehnsrecht auf. Wie oben bereits angedeutet bin ich der Meinung, dass die Bezeichnungen Stammes- und Reichsrecht aussagekräftiger sind, da sie Andeutungen auf die Zuständigkeit in der Urteilsfindung beinhalten.

Nach dreimaliger Vorladung und dem Nichterscheinen Heinrichs vor Gericht, wurde er von seinen Standes- und Stammesgenossen Ende Juni 1179 auf dem Reichstag zu Magdeburg verurteilt und verfiel der Acht. Die Urkunde geht nun sogleich zur Beschreibung des zweiten Verfahrens gegen den Herzog über. Sie verschweigt an dieser Stelle die Bemühung Heinrichs zu einem Ausgleich mit dem Kaiser unter Umgehung der Fürsten. Bei einem Treffen zwischen Heinrich und Friedrich I. fungierte der Kaiser als Vermittler zwischen den Fürsten und stellte dem Herzog in Aussicht, sich durch die Zahlung von 5000 Mark (vermutlich Silbermark) von der Acht zu lösen. Auf diese Möglichkeit zum Ausgleich ging Heinrich der Löwe jedoch nicht ein. Die Gründe hierfür sind unklar. Die Behauptung, dass die Summe von 5000 Mark zu hoch gewesen sei, kann aber, angesichts der Einnahmen des Herzogs insgesamt, nicht gerechtfertigt sein.

Nach dem Scheitern dieses Ausgleichsversuchs wurde ein zweites Verfahren gegen Heinrich angestrengt. Die Vermutung, dass dieses allein auf Betreiben des Kaisers geschehen sein soll, ist jedoch nicht ganz schlüssig. In der Narratio heißt es dazu, dass der Herzog die Übergriffe auf die Kirche im Allgemeinen und die Beeinträchtigung der „Rechte und Freiheiten der Fürsten“ „ohne Unterlass“ fortgesetzt habe. Durch sein Nichterscheinen vor Gericht, wieder nach „vorgeschriebener dreimaliger Vorladung“, und da er auch keinen „Fürsprecher“ geschickt habe, sei er nun als „Nichterscheiner abgeurteilt“ worden. Der Prozess nach „Lehnsrecht“ (feodali iure) muss sowohl auf die Initiative des Kaisers wie auch auf die der Fürsten hin angestrengt worden sein. Friedrich I. musste sich inzwischen klar gemacht haben, dass Heinrich der Löwe nicht bereit war, seine Interessen aufzugeben und seine Politik in Sachsen zu ändern. Der Herzog hatte zwar eine lange Zeit die Politik des Kaisers mitgetragen, konnte und wollte jedoch keine Beschneidung seiner Macht hinnehmen. Diese starke Stütze des Reiches, die Heinrich einst war, wurde langsam zu übermächtig. Der gute Ruf Heinrichs, den er im gesamten Abendland genoss, und die immer wieder als „königsgleich“ bezeichnete Stellung des Löwen, hätten auf lange Zeit vielleicht sogar zu einer völligen Ablösung vom Reich geführt. Aber Barbarossa musste sich Unterstützung für seine zukünftige Politik sichern. Die konnte er nur bei den übrigen Fürsten finden, die dafür auf eine Gegenleistungen hofften.

Die Interessen Barbarossas vereinigten sich mit denen der Fürsten, an deren Spitze der Kölner Erzbischof Philipp, für die Heinrich ebenfalls eine Bedrohung darstellte. Ein Fürst, der eine fast königliche Macht und so große Ländereien auf sich vereinigen konnte, einer, der im Prinzip die gleiche Stellung hatte wie sie, musste gestürzt werden. Diese Sturz konnte jedoch nur endgültig sein, wenn der Kaiser auch gezwungen wurde, Heinrich nicht mehr in seine alte Stellung einsetzen zu können. Die Urteilsfindung im lehns- bzw. „reichsrechtlichen“ Prozess oblag den Reichsfürsten und war für den Kaiser bindend. Die Beseitigung des Löwen brachte also sowohl für den Kaiser als auch die Fürsten Vorteile. Die Konsequenz der Verurteilung war die Aberkennung der Herzogtümer „Baiern und Westfalen“ und aller anderen Reichslehen, die durch den Spruch der Fürsten nun wieder in den Besitz der Krone fielen.

Hier endet der erzählende Teil und es wird im folgenden Abschnitt, der Dispositio, über die „Umgestaltung“ und Neuverteilung der Ländereien berichtet. „[...] nach Beratung mit den Fürsten und mit ihrer ungeteilten Zustimmung“ wurde das Herzogtum „Westfalen und Engern“ geteilt. Wenn wir in der Urkunde lesen, dass dieses Herzogtum schon in damaliger Zeit so genannt wurde, so müssen wir bedenken von wem es so benannt sein könnte. An dieser Stelle müssen wir uns vergegenwärtigen, dass sowohl in den Urkunden des Kaisers als auch in denen Heinrichs des Löwen, dieser Herrschaftsbereich immer mit den Wort „Sachsen“ beschrieben wurde (vergl. „Privilegium minus“ (1156) bzw. „Artlenburger Privileg“ (1161)). Der Einfluss der Kölner Kirche, die in den westlichen Gebieten des Stammesherzogtums Sachsen Besitzungen in Anspruch nahm, auf den Inhalt und die Formulierungen der Urkunde wird an hier besonders deutlich. Das Herzogtum Sachsen unter der Herrschaft Heinrich des Löwen umfasste bis 1180 die gebiete Westfalen, Engern und einige Teile Ostfalens. Die Teilung dieses Herrschaftsgebietes alter Art, wobei Ostfalen in der Urkunde nicht weiter erwähnt wird, führt zu der Annahme, dass das Gebiet auch politisch keine Einheit mehr bildete. Es musste dem Erzbischof von Köln gelungen sein seine Herrschaft im Westen Sachsens so weit auszudehnen und zu festigen, dass eine Teilung ohne weiteres möglich war. Dies stellte zunächst wohl auch keine Existenzfrage für die anderen deutschen Herzogtümer dar, die in ihrer jetzigen Form wohl noch einen recht einheitlichen Herrschaftsbereich bildeten.

Mit dem einen Teil des nun geteilten Herzogtums „Westfalen und Engern“, der aber keine weitere Bezeichnung erfährt, wurde nun der Erzbischof von Köln und dessen Nachfolger, der Hauptgegner Heinrich des Löwen in den letzten Jahren, beschenkt und belehnt. Den anderen Teil des Herzogtums erhielt Bernhard von Anhalt aus dem Hause der Askanier, ebenfalls ein langjährige Gegner Heinrichs. Die nur kurze Erwähnung der zweiten Belehnung lässt vermuten, dass es noch eine zweite Urkunde gab, die dies noch weiter ausführte und sich im Besitz Bernhards befand. Erzbischof Philipp wurde feierlich mit der Fahne belehnt, so dass der neben der Stellung eines geistlichen auch die eines weltlichen Reichsfürsten inne hatte.

Neben der Aberkennung und der Neuverteilung eines Teils der eingezogenen Reichslehen wurde auf dem Reichstag zu Gelnhausen auch eine Reichsheerfahrt gegen Heinrich den Löwen auf den 25. Juli 1180 angesetzt. An diesem Termin würde er der Oberacht, d.h. der völligen Friedlosigkeit verfallen sein, wenn er sich nicht aus der Acht lösen sollte. Da Heinrich dies nicht tat, verhängte auf einem Reichstag zu Regensburg im Juni 1180 der Kaiser das Urteil über ihn. In der Folgezeit verlor der Löwe die Basis für seinen Widerstand gegen seine Gegner. Viele seiner Vasallen und sogar Ministeriale sagten sich von ihm los und suchte ihren Vorteil bei seinen Gegnern. Auch mit einem Rückzug nach Nordelbingen konnte sich Heinrich dem Zugriff seiner Widersacher nicht entziehen und auch keine Unterstützung finden. Inzwischen war das Herzogtum Bayern neu vergeben worden und Heinrich konnte nun nicht mehr hoffen, in seine alte Position zu gelangen.

Schließlich musste sich der Löwe auf dem Reichstag in Martini  bei Erfurt (November 1181) dem Kaiser unterwerfen. Wie zu erwarten war, wurde die Aberkennung der Reichslehen bestätigt, jedoch wurde die Oberacht gelöst, so dass Heinrich wieder über seine Allodialgüter verfügen konnte und somit nicht völlig entmachtet und ehrlos war. Um den Frieden im Reich wieder herzustellen und die Herschaftsverhätnisse ordnen zu können, musste sich Heinrich der Löwe dazu bereit erklären, das Reich zu verlassen und in die Verbannung nach England zu gehen.

Wie bereits erwähnt stellt die Gelnhäuser Urkunde ein für die deutsche Verfassungsgeschichte bedeutendes Dokument dar, das wichtige Aussagen über die Grundlage der Macht der deutschen Herzöge und die Stellung und Politik des Kaisers und der Fürsten zulässt. Gerade bei diesem Beispiel der Entmachtung eines Herzogs wird die Stärke und der Einfluss der deutschen Fürsten sichtbar. Es kam neben der Aufsplitterung der Herrschaftsgebiete der Fürsten und einer damit verbundenen Machtvielfalt auch zu der Bildung eines beinahe einheitlichen „Standes“, eines „jüngeren Reichsfürstenstandes“. Der Kaiser war in Zukunft immer mehr auf die Mitarbeit einer größeren Anzahl von Fürsten angewiesen, um seine Politik effektiv gestalten zu können. Allerdings was es den Fürsten so auch möglich, ihre Interessen in die Reichspolitik mit einzubeziehen. Schon Heinrich der Löwe war kein „alter Stammesherzog“ mehr. Er betrieb eine expansive Territorialpolitik über sein Herzogtum hinaus und beteiligte sich an den Unternehmungen Friedrichs I. nur, wenn diese ihm Vorteile brachten. Außerdem zeigte er auch Bestrebungen, sein Gebiet unter einer einheitlichen Verwaltung zusammenzufassen und den Interessen des Reiches zu entziehen. Ähnliche Bestrebungen beobachten wir bei den Territorialfürsten späterer Jahrhunderte, deren Gebiete jedoch kompakter sein werden. Das Stammesherzogtum als Grundlage der Macht verlor zugunsten eines einheitlichen Territoriums an Bedeutung, dies wurde an dem hier vorliegendem Beispiel der Teilung „Sachsens“ bzw. „Westfalen und Engern“ deutlich. Die Bildung von „Interessensgruppen“ fand ihren Platz in der Verfassung des Deutschen Reiches in Form der sog. Heerschildordnung des Sachsen- und Schwabenspiegels des Hohen Mittelalters. Diese war in sieben Stufen geteilt: der König an der Spitze, dann die Pfaffenfürsten, die Laienfürsten, die Grafen und Freiherrn, die Freien und Ministerialen, die Mannen der Freien und Ministerialen und schließlich die übrigen rittermäßigen Leute.

Noch gegen Ende des Mittelalters findet sich eine ähnliche Hierarchie des Heiligen Römischen Reiches in der Schedelschen Weltchronik, verfasst von Hartmann Schedel zu Nürnberg 1493: Das Reich bildet den Körper, der König, flankiert von den sieben Kurfürsten, bildet das Haupt, während die Stände die Glieder bilden. Neben dem Schicksal Heinrichs des Löwen erfahren wir aus der Gelnhäuser Urkunde also auch etwas über die Entwicklung der Reichsverfassung und die Begründung und Verteilung der Macht innerhalb des Deutschen Reichs.

Maik Hager, Ass. d. L.

Literaturverzeichnis:

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