Heinrich der Löwe

eine Kurzbiografie von Maik Hager

 

Liegende Grabfiguren Heinrichs des Löwen und der Mathilde Plantagenet. Kalkstein, max. Länge 2,37 m, frühes 13. Jahrhundert, Braunschweig, St. Blasius; Abbildung (bearbeitet) und Bildunterschtift aus: de Winter, Patrick M. Der Welfenschatz. Zeugnis sakraler Kunst des Deutschen Mittelalters, Hannover 1986, S. 11-12.
Abb: Liegende Grabfiguren Heinrichs des Löwen und der Mathilde Plantagenet. Kalkstein, max. Länge 2,37 m, frühes 13. Jahrhundert, Braunschweig, St. Blasius; Abbildung (bearbeitet) und Bildunterschtift aus: de Winter, Patrick M. Der Welfenschatz. Zeugnis sakraler Kunst des Deutschen Mittelalters, Hannover 1986, S. 11-12.

Heinrich der Löwe, aus dem Geschlecht der Welfen, Sohn Heinrichs des Stolzen (X.), Herzog von Bayern und Sachsen, und Gertrud von Sachsen, wurde vermutlich Ende des Jahres 1129 oder zu Beginn des Jahres 1130 geboren. Über den genauen Zeitpunkt, den Geburtsort oder die Geburtsumstände ist von den Chronisten dieser Zeit nichts berichtet worden. Obwohl die Kindheit und Jugend selbst herausragender Persönlichkeiten des Mittelalters dadurch im Dunkeln zu liegen scheint, nehme ich an, dass dies nicht nur auf der Geringschätzung dieser Lebensperiode beruht. Die Schwerpunktsetzung bei der Erziehung und Ausbildung adeliger Fürstensöhne dürfte sich im allgemeinen nur in wenigen Punkten unterschieden haben. Sicherlich wurde Heinrich eine durch und durch ritterliche Ausbildung zu Teil, die vor allem Wert auf den Umgang mit Waffen und Rüstungen sowie die Reitkunst legte. Man darf ihn jedoch nicht nur als einen grobschlächtigen Elitekrieger darstellen, der Entbehrungen und körperliche Anstrengungen gewöhnt war. Auch im höfischen Umgang dürfte er unterrichtet worden sein. Zudem müssen wir ihn uns als einen „praktizierenden Christen“ vorstellen - Heinrich wurde 1135 im Alter von ca. 5 Jahren getauft - der, auch wenn er das Lateinische weder lesen noch schreiben konnte, die Botschaft des Evangeliums kannte.

Heinrich d. L. wurde in eine Zeit hineingeboren, die durch den staufisch-welfischen Gegensatz, die Auseinandersetzung seines Vater Heinrich d. S. (1108-1139) mit dem deutschen König Konrad III (1138-1152), geprägt war. 1138 wurde Heinrich d. S. als Nächstberechtigter und mächtigster Fürst des Deutschen Reiches durch das Prinzip der Wahl bei seinem Anspruch auf die Königskrone übergangen. Zwar händigte er die Reichsinsignien an Konrad III aus, der verlangte jedoch den Verzicht Heinrichs d. S. auf die Herzogtümer Sachsen und Bayern und die Huldigung des Herzogs. Dies verweigerte er jedoch, worauf ihm beide Herzogtümer aberkannt und er geächtet wurde.


Auch Heinrich d. L. muss sich dieser Situation, die auch auf ihn gewirkt hat, bewusst gewesen sein, so dass er einen Einblick sowohl in die wechselhafte Position seines Geschlechtes als auch in die Reichspolitik gehabt haben dürfte.

Nach dem Tode seines Vaters (1139) und seiner Großmutter Richenza, der Witwe des deutschen Königs und Kaisers Lothars II. (1075-1137), die zunächst die Führung des Geschlechts übernommen hatte, folgte auf Bemühen Konrads II. eine Phase der Aussöhnung zwischen den beiden Geschlechtern. Auf dem Frankfurter Reichstag von 1142 erhielt Heinrich d. L., ca. 12-jährig, das Herzogtum Sachen zurück, das Herzogtum Bayern wurde jedoch an Heinrich Jasomirgott aus dem Geschlecht der Babenberger (1114-1177) verliehen.

In Sachsen beschäftigte sich Heinrich mit der Neuordnung Nordelbingens und breitete durch den Erwerb der Stader Erbschaft (1145) seine Herrschaft bis ins nordöstliche Sachsen aus.

Als die deutschen und französischen Fürsten sich unter der Leitung Konrads III. und Ludwigs VIII. von Frankreich zum 2. Kreuzzug (1147-1149) rüsteten, klagte Heinrich d. L. auf die Rückgabe des Herzogtums Bayern, das wie er meinte seinem Vater zu Unrecht entzogen worden war, doch der König verschob die Entscheidung darüber. Daraufhin weigerte sich Heinrich, sowie große Teile des sächsische Adels, am Kreuzzug teilzunehmen. Statt dessen wurde er zum Wendenkreuzzug verpflichtet, den er 1147 antrat. Dieses Unternehmen blieb jedoch ohne erkennbaren Erfolg. Seinen Anspruch auf Bayern konnte Heinrich d. L. zur Regierungszeit Konrads II. nicht mehr durchsetzen.

Ab 1149, in der Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Erzbischof Hartwig von Hamburg-Bremen erhob Heinrich als Markgraf Anspruch auf die Wiedererrichtung der seit 1066 nicht mehr bestehenden ostelbischen Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg / Schwerin. Außerdem beanspruchte er das Recht der Investitur der Bischöfe für sich.

Mit dem Regierungsantritt Friedrichs I. (1152) begann erneut eine Phase des Versuchs der Versöhnung der beiden mächtigsten Herrschergeschlechter des Deutschen Reiches. Heinrich d. L. selbst hatte sich, nach voriger Absprache, für die Wahl seines Vetters ausgesprochen, der dann auch einhellig von den deutschen Fürsten angenommen wurde. Schließlich erkannte Friedrich I., dessen Interesse mehr auf die Italienpolitik gerichtet war, den Nordosten des Reiches als Interessensgebiet Heinrich d. L. an. Nachdem Heinrich im Jahre 1152 die Reichsvogtei Goslar und die Winzenburger Besitzungen (Westrand des Harzes) zugesprochen bekam, erhielt er außerdem, nachdem Heinrich Jasomirgott den Ladungen zum Rechtsverfahren nicht Folge geleistet hatte, im Jahr 1154 auf dem Hoftag zu Goslar das Herzogtum Bayern. Außerdem verlieh Friedrich I. ihm das Königsrecht der Bischofsinvestitur in den nordelbischen Bistümern.

Heinrich d. L. begleitete Friedrich I. auf dessen ersten Italienzug (1154/55) und leistete dem König bei dessen Kaiserkrönung Hilfe. Nachdem Friedrich I. die Anerkennung des römischen Senats abgelehnt hatte und es zu einem Aufstand der Römer gekommen war, musste Heinrich d. L. zusammen mit seinen sächsischen Rittern die Krönung in der Peterskirche vor Übergrif­fen absichern.

Nach der Rückkehr aus Italien wurde 1156 in Regensburg die Frage um den Besitz des Herzogtums Bayern endgültig geklärt. Heinrich wurde nun das um die zum Herzogtum umgewandelte Markgrafschaft Österreich verminderte Herzogtum Bayern zugesprochen. In den Folgejahren bemühte er sich, Bayern zu einem ertragreichen Land auszubauen, indem er versuchte, die Kontrolle über die wichtigsten Handels- und Verkehrsstraßen zu gewinnen und seine Einnahmen zusätzlich durch die Errichtung eines neuen Marktes, der später das Fundament für die Stadt München bildete, zu erhöhen.

Sein Hauptaugenmerk richtete Heinrich jedoch auf das Herzogtum Sachsen und den Norden des Reiches allgemein. Die Festigung und der Ausbau seiner Herrschaftsgewalt war sein Hauptanliegen. Seit 1158 gelang es Heinrich d. L. durch mehrere Züge ins Slawenland zusammen mit dem dänischen König Waldemar I. seinen Machtbereich bis an die Peene (Insel Usedom) auszubauen, wobei 1160 der Obodritenfürst Niclot dem Tod fand. Es gelang Heinrich jedoch nicht seine Stellung durch Ministeria­lenverwaltung zu festigen, so dass er 1167 Niclots Sohn Pribislaw im Lande einsetzen musste.

Nach einer Dauer von 15 Jahren wurde 1162 die Ehe Heinrich d. L. mit Clementia von Zähringen geschieden. Es mag viele Vorwände für diese Scheidung gegeben haben, den Grund dürften jedoch politische Momente gegeben haben, denn Heinrich d. L. gab dadurch auch ein langjähriges Bündnis mit dem Hause Zähringen auf. Diese Entscheidung fiel zu Gunsten der Annäherung des Hauses der Welfen an die Staufer, denn alte Gegensätze zwischen Staufern und Zähringern waren durch territoriale Konflikte wieder verschärft worden.

In den Jahren 1159 bis 1166 widmete sich Heinrich d. L. hauptsächlich dem Ausbau der Strukturen im Herzogtum Sachsen. 1159 gründete er mit der Hilfe einiger Kaufleute die Stadt Lübeck neu und sicherte ihr durch Handelsverträge eine starke Rolle im Ostseehandel. 1166 erweiterte er Braunschweig um die Hagenstadt, errichtete die Burg Dankwarderode und stiftete zu Ehren des hl. Blasius einen großen Kirchenbau. Als Sinnbild seiner herzoglichen Macht ließ er auf dem Burghof ein Löwendenkmal errichten, das als Zeichen seiner Gerichtshoheit galt. In weiteren Orten wie Stade, Bremen, Hannover und Lüneburg wurden die Stadtgründungen durch Heinrich d. L. weitergeführt oder durch die Verleihung von Stadtrechten zum Abschluss gebracht, hierfür fehlen jedoch in manchen Städten Urkunden, die über den genauen Hergang Auskunft geben könnten.

Während des alexandrinischen Schismas, bei der Papstwahl 1159 wurden zwei Päpste gewählt, unterstützte Heinrich d. L. die Position Friedrich.

Auf dem 2. Italienzug des Kaisers (1158-62), auf dem Friedrich I. die Rückgabe der von den autonom gewordenen Stadtstaaten eingezogenen Reichsgüter und Reichsrechte fordert, leistet Heinrich Hilfe bei der Belagerung und Eroberung Cremas und war auch bei den Kämpfen vor Mailand beteiligt.

Nachdem Heinrich d. L. 1165 auf dem Würzburger Reichstag einen Eid im Bezug auf Friedrichs Unversöhnlichkeitserklärung abgab, Alexander II. nie als Papst anzuerkennen, wurde die starke Bindung zwischen Herzog und Kaiser klar. Auch vermittelte Heinrich d. L. im kaiserlichen Auftrag zusammen mit den Erzbischöfen von Mainz und Köln den Frieden zwischen England und Frankreich. 1168 heiratet Heinrich die englische Königstochter Mathilde.

In Sachsen regte sich jedoch Widerstand gegen Heinrichs rücksichtsloses Regiment. Seine Absicht, die eroberten Gebiete in Mecklenburg-Vorpommern durch Ministerialien verwalten zu lassen, schlug fehl. Heinrichs Versuch der Errichtung einer herzoglichen Obergewalt über die reichsunmittelbaren Dynasten war gescheitert. Seine Gegner schlossen sich in immer neuen Koalitionen gegen ihn zusammen und bekämpften ihn hart. Das große Fürstenbündnis von 1166 und die Kämpfe in Ostsachsen konnten nur durch die Vermittlung des Kaisers im Jahre 1168 beigelegt werden. Auf der Höhe seiner Macht unternahm Heinrich d. L. 1172 eine Pilgerfahrt nach Jerusalem, bei der er in Byzanz und Jerusalem königsgleich empfangen wurde.

Aus dieser übermächtigen Stellung heraus begann der „Fall“ des Herzogs. Bei einer persönlichen Begegnung zwischen ihm und dem Kaiser (Anfang 1176 in Chiavenna), bei der ihn Friedrich I. um militärische Unterstützung in Italien bat, machte Heinrich seine Hilfe von der Rückgabe der Stadt Goslar abhängig, die er 1168/69 verloren hatte. Doch Friedrich lehnte diese Forderung ab. Nun war Heinrich zwar nicht verpflichtet Hilfe zu leisten, doch hätte nach der ihm durch den Kaiser geleisteten Hilfe ein Eingreifen Heinrichs zugunsten Friedrichs erwartet werden können.

In der Weigerung des Herzogs lag wohl nicht der Grund für die folgenden Verfahren gegen ihn, es war aber zumindest eine Ursache für die veränderte Position des Kaisers gegenüber dem sächsischen Herzog.

1177 waren während der Abwesenheit des Kaisers, der sich auf seinem fünften Italienzug befand, die Kämpfe in Sachsen erneut mit aller Schärfe ausgebrochen. Nach der Rückkehr Friedrichs erhob sowohl der Herzog als auch seine Gegner im Jahr 1178 in Speyer Klage. Nach der Annahme der Klage der Gegner Heinrichs begann 1179 zunächst das landrechtliche Verfahren wegen Landfriedensbruch gegen den Herzog. Da Heinrich den Ladungen nicht Folge leistete, wurde über ihn auf einem Reichstag in Magdeburg im Jahr 1179 wegen Nichterscheinens vor Gericht (Kontumaz) die Acht verhängt. Da auch ein persönliches Treffen zwischen dem Kai­ser und Heinrich d. L. ergebnislos blieb und die Kämpfe in Sachsen wieder ausbrachen, strengte Friedrich I. ein zweites, lehnsrechtliches Verfahren wegen Nichtachtung seiner kaiserlichen Majestät an. Auch diesmal folgte der Herzog den Ladungen zum Verfahren nicht, so dass in Würzburg im Jahr 1180 Heinrich durch Fürstenspruch die Reichslehen aberkannt wurden. Außerdem verfiel Heinrich ein Jahr nach dem Achtspruch der Oberacht, deren Konsequenz die Rechtlosigkeit war.

Sowohl das Herzogtum Sachsen als auch des Herzogtum Bayern wurden neu verliehen. Es begann nun der allgemeine Reichskrieg gegen den rechtlosen Heinrich, der sich zunächst noch in Nordsachsen und in den Gebieten rechts der Elbe halten konnte. Im Jahr 1181 brach jedoch auch hier sein Widerstand zusammen, und er musste sich auf dem Reichstag zu Erfurt dem Kaiser unterwerfen. Zunächst wurde Heinrich verpflichtet, sich in die Verbannung zu begeben, dies tat er dann auch im Sommer 1182, als er zu seinem Schwiegervater Heinrich II., König von England, begab. 1184 kehrte er während des Mainzer Hoftags und 1185 endgültig nach Deutschland zurück. Dies geschah zunächst auf der Grundlage eines Bündnisabkommens zwischen Friedrich I. und Heinrich II. von England. Die Wiedereinsetzung in die alten Rechte unterblieb jedoch, und so konnte Heinrich d. L. zu Beginn des 3. Kreuzzuges (1189-1192), an dem er nicht teilnehmen wollte, abermals in die Verbannung geschickt werden.

Im Herbst 1189 kehrte er jedoch zurück. Der Erzbischof von Bremen belehnte ihn wieder mit der Grafschaft Stade. Nachdem er in Lübeck aufgenommen wurde, die Lauenburg erobert hatte und der neue deutsche König Heinrich VI. (1190-1197) mit den sizilianischen Erbfall beschäftigt war, konnte Heinrich d. L. seine Position festigen. 1194 kam es zwischen dem Kaiser und Heinrich d. L. zu einem Kompromissfrieden, an den sich der Welfe jedoch nicht hielt. Weitere Bemühungen zur Wiedererlangung seiner Macht schlugen jedoch fehl.

Erst kurz vor Heinrichs Tod (1195) kam es bei einer persönlichen Zusammenkunft in Tilleda am Kyffhäuser zwischen ihm und dem Kaiser zu einer Aussöhnung. Seine letzte Ruhestätte fand Heinrich d. L. im Dom zu Braunschweig.

Die politischen Leistungen Heinrichs erschöpfen sich nicht nur in einer angeblichen Opposition gegenüber dem deutschen König und Kaiser oder seiner strengen Regierungsweise, auch wenn in diesen Punkten viel Kritik geübt werden kann, sondern sind vielmehr in dem neuen Konzept des Versuches zur Errichtung einer Art „Territorialverwaltung“ zu sehen, das jedoch durch seine Radikalität in der Durchführung gescheitert ist. Die Eroberung und Befriedung der ostelbischen Gebiete bildet jedoch die Grundlage für deren spätere Besiedlung und Missionierung.

Neben den politischen Errungenschaften Heinrichs sind vor allem seine kulturellen Leistungen zu nennen. Durch die Förderung von Künsten und Literatur, sowie durch den Bau der Braunschweiger Stiftskirche St. Blasius schuf er das Vorbild eines „weltmännischen Fürsten“. Aus dem von Heinrich in Auftrag gegebenen Evangeliar, das zu den bedeutendsten Werken der Buchmalerei des Mittelalters zählt, stammen die Worte, die ich als Abschuss meiner Betrachtung gewählt habe:

„Diese goldene Seite bezeugt dem Leser, dass der fromme Herzog Heinrich und seine Gemahlin von ganzem Herzen die Liebe zu Christus über alles andere stellten. Von Königen stammt sie ab, er von Kaisern. [...]“.

zum Autor

Maik Hager (Jahrgang 1977) hat an der TU Berlin Geschichte und Philosophie (Lehramt) bei Prof. Dr. Schulz-Hageleit und Prof. Dr. Gil studiert. In der wissenschaftlichen Hausarbeit zum Ersten Staatsexamen hat er sich mit dem Ackergesetz des Tiberius Gracchus beschäftigt. Im Rahmen der schriftlichen Prüfungsarbeit für das Zweite Staatsexamen hat er mit Schülern einer 9. Klasse eine Führung durch den Ausstellungsteil Erster Weltkrieg des DHM konzipiert.
Inzwischen ist er Lehrer für Geschichte, Sozialkunde, Politikwissenschaft, Ethik und Philosophie an der
Königin-Luise-Stiftung in Berlin und Herausgeber der Online-Magazine Geschichte-erforschen.de und Philosophie-erforschen.de.

Literaturverzeichnis:

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