John Knox und der schottische Calvinismus

Die Auswirkungen der Reformation als epochaler Veränderung der christlichen Welt sind noch bis zum heutigen Tage spürbar, nicht nur in der Religion selbst, sondern auch in den Gebräuchen, der Politik, der Literatur und im alltäglichen Leben. Ihren Ausgang mit Luther und seinen 95 Thesen nehmend, vollzog sich sukzessiv ein konfessioneller Wandel, wobei der Calvinismus, ausgehend von Genf, stark auch die Entwicklungen anderer Länder beeinflusste, unter ihnen Schottland. Durch seine räumliche und politische Nähe zu England ist die Reformation in diesem nördlichsten Teil Großbritanniens allerdings nicht abgespalten zu betrachten, sondern muss immer in den Kontext seiner Geographie gestellt werden.

Um die Vorgehensweise John Knox` nachvollziehen zu können, muss zuerst einmal sein Wirkungsbereich skizziert werden, denn nur so lassen sich die Prämissen erfassen, mit denen sich die Reformation auseinandersetzen musste. Schottland war im 16. Jahrhundert noch immer beherrscht von einem System feudaler Anarchie, dass sich durch Clan-Strukturen auszeichnete. Die Population lag bei etwa einer Million, wobei etwa 90% der Menschen in ländlichen Gebieten lebten. Die königlichen Herrscher kennzeichnete eine Schwäche, aufgrund derer in den hundert Jahren vor Knox` Geburt ein jeder König eines gewaltsamen Todes starb, keiner von ihnen wurde älter als 42 Jahre. Der Älteste war bei der Thronbesteigung gerade einmal 15 Jahre alt, so dass sich die Frage nach den Ursachen für die schwache Herrscherriege kaum auftut. Eine Aneinanderreihung unmündiger Könige, in deren Namen von Stellvertretern regiert wurde, konnte sich nur schwerlich in einer Gesellschaft wie der schottischen gegen die unabhängigen Clanchiefs durchsetzen.
 


Abb. 1: Lukas Cranach d. Ä., Martin Luther als Augustinermönch, Kupferstich, 1520,
Metropolitan Museum of Art New York, Inv.-Nr. 20.64.21.


Abb. 2.: Adrian Vanson, John Knox, Holzschnitt, 1580,
National Galleries of Scotland Edinburgh, Inv.-Nr. PGE 27.

In den Jahren nach Luthers Anschlag seiner 95 Thesen an die Wittenberger Kirchenpforte strömten protestantische Propaganda ebenso wie die englischsprachige Übersetzung des Neuen Testaments über die schottische Grenze. In England war diese Bibel zwar umgehend verbrannt worden, Schottland hingegen, mit seiner vergleichbar eher schwachen Monarchie, hatte weitaus größere Probleme, der Flut der sich rasant verbreitenden Bücher Herr zu werden. Im Frühjahr 1543 änderte sich die Position der Protestanten in Schottland ohne ihr eigenes Zutun quasi über Nacht. Mit dem Tod König James V. waren sie nun von einer verfolgten Sekte zu den Protégés des schottischen Governors, dem Earl of Arran, aufgestiegen. Im Jahre 1554 löste die katholische Marie de Guise, Mutter von Mary Stuart, den Earl of Arran in der schottischen Thronfolge ab. Mary heiratet 1558 den französischen Dauphin, was die schottisch-französische Allianz stärkte. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Mary, Queen of Scots, im August 1561 in ihr Königreich zurück. Die Lage, die sie dort vorfand, war prekär: durch die Konfessionen gespalten war der Großteil des Adels calvinistisch geprägt. Nicht wenige ihrer Untertanen standen in Diensten der englischen Königin Elizabeths I., die weder Kosten noch Mühen gescheut hatte, Schottland an sich zu reißen und in ihr Reich einzugliedern. Man hatte nicht erwartet, mit Maria Stuart eine starke Königin zu inthronisieren, die die religiösen Problematiken ihres Landes zu lösen vermochte. So verfolgte sie auch zunächst eine Toleranzpolitik, bei der sie selbst ihren katholischen Glauben beibehielt. Das Unvermögen der Herrscherin lag in der Tatsache begründet, dass sie, aufgrund ihrer bereits in Kindertagen erfolgten Verlobung mit dem französischen Dauphin, mehr zu einer Queen Consort denn zu einer autarken Herrscherin erzogen worden war.
 

Geboren wurde John Knox zu Beginn der Regierungszeit James V. Obwohl für etwa 260 Jahre in der Forschung 1505 als sein Geburtsjahr gehandelt wurde, so geht man doch nunmehr von den Jahren 1513 bzw. 1514 aus. Ebenso wie die Zeit der Geburt so ist auch der Ort nicht unumstritten. Im Nachfolgenden wird die Erklärung Jasper Ridleys als die plausibelste akzeptiert und Haddington als Heimatort des Reformators veranschlagt. In der für Schottland eher fruchtbaren Gegend der Lothians gelegen, hatte es den Status einer königlich freien Stadt (schottisch: burgh). Die trotz dessen verhältnismäßig niedrige Bevölkerungsdichte von etwa 1500 Einwohnern (zum Vergleich: London 50.000, Paris 200.000, Edinburgh 15.000) bestand vor allem aus Kaufleuten und Handwerkern. Das Leben des John Knox war hart und einfach; der wenig fruchtbare Boden, die beinah primitiv zu nennenden Methoden der Landwirtschaft und das System der Bodenbesitzverhältnisse trugen zur Armut des Landes bei. Die heimatliche Lage trieb viele Schotten ins Ausland, oft als unwillkommene Immigranten. Wenig ist über die Familie des John Knox bekannt. Im sozialen Gefüge waren sie nicht sehr hochgestellt, doch sein Vater William war laut Ridley ein Freier in seiner Heimatstadt. Es gab einen Bruder, ebenfalls William, der sich als Kaufmann in Prestonpans verdingte. Über die Mutter ist außer ihrem Mädchennamen, Sinclair, nichts bekannt. Diesen nutze John Knox später in einigen Briefen als Pseudonym, wenn er in revolutionäre Aktivitäten verwickelt war. Schon als Kind präsentiere er sich als überdurchschnittlich intelligent, was ihn zu einer Ausbildung für eine Kirchenposition prädestinierte - wobei es in diesen Zeiten nicht unbedingt zwingend notwendig für einen Mann der Kirche war, über wenigstens ein Minimum an Bildung zu verfügen. Viele schottische Priester des 16. Jahrhunderts waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Ab 1531 oder 1532 studierte Knox dann unter John Major, einem der führenden Intellektuellen Europas seiner Zeit, für drei bis vier Jahre Theologie an dem der St. Andrews University zugehörigen St. Salvator´s College.
 


Abb. 3: Schottland im 16. und 17. Jahrhundert, Karte 23,
The Cambridge Modern History Atlas, 1912,
Perry-Castañeda Library, Map Collection,
University of Texas in Austin.

Knox tat sich durch seine akademischen Leistungen hervor und wurde dafür bereits als sehr junger Mann mit einem akademischen Titel belohnt (da er in Dokumenten nach seiner Ordination als „Sir“ bezeichnet wird, ist laut Jasper Ridley von einem Bachelor of Divinity auszugehen). Noch vor der Erreichung des üblichen Alters wurde er 1536 zum Geistlichen ordiniert. Trotz dieser glänzenden akademischen Laufbahn stand Knox nun vor einem Problem. Es gab bereits zu viele Priester in Schottland, auf eine Population von 500.000-800.000 kamen mehr als 3000. Jungen Geistlichen wie Knox war es im Regelfall unmöglich, sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Über die vier folgenden Jahre nach seiner Ordination ist nichts bekannt. Um1540 betritt er als Notar in der Nachbarschaft Haddingtons erneut die historische Bühne. In den Jahren 1545-1546 war er zeitweilig Gefährte John Wisharts, den Andrew Lang als „Knox´s master of faith“ bezeichnet. Wishart, schottischer Reformator und Märtyrer, war in seinem Schweizer Exil in Kontakt mit Calvin gekommen und ein getreuer Anhänger geworden. Im Kontakt zu Wishart liegt wohl einer der Grundsteine für Knox` Affinität zu Calvins Lehren. Auf Befehl Kardinal Beatons, Anführer der anti-protestantischen Partei, war Wishart als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Daraufhin besetzte eine Gruppe Protestanten das Schloss St. Andrews und veranlasste die Ermordung des Kardinals. Wenn Knox wohl auch nicht aktiv an diesem Mordanschlag beteiligt gewesen ist, so ist doch seine Befürwortung in selbstverfassten Schriftstücken laut Lang überliefert. Sehr wohl gehörte Knox aber zu den Besetzern des Schlosses, die im Juli 1547 der französischen Belagerung kapitulierten. Knox und andere wurden gefangen genommen und er verbrachte die nächsten Jahre, bis zum Anfang des Jahres 1549, als Galeerensklave in Diensten Frankreichs. Hiernach begab er sich in das unter Edward VI. für Protestanten relativ sichere England. Er wurde staatlich lizenzierter Prediger in Berwick, wo er seine enge Vertraute Mrs. Bowes und seine spätere erste Frau, deren Tochter Marjorie, kennenlernte. Von 1551 bis 1554 war er als King´s chaplain in Newcastle angestellt. Trotz der Thronbesteigung Mary Tudors 1553, die aufgrund ihres katholischen Glaubens Gefahrenpotenzial für die Protestanten barg, blieb Knox noch einige Zeit in England, vermied es aber tunlichst, Kritik an der neuen Königin zu üben, so lange er sich noch in deren Reichweite befand. Erst später, in der Sicherheit Frankreichs, sprach er sich öffentlich gegen die englische Herrscherin aus. Er hatte sich einige Zeit in Dieppe niedergelassen, von dort aus ging es nach Genf, etwa Ende März 1554, wo er zum ersten Mal die Gelegenheit eines persönlichen Treffens mit Johannes Calvin wahrnehmen konnte.

Die Reformation in Schottland ist begründet im Verfall der Römischen Kirche. Dies war trotz der kirchlichen Reformationen unter Erzbischof John Hamilton in den Jahren 1549, 1552 und 1559, der Fall. Denn diese Veränderungen müssen eher als Präventivmaßnahmen gegen drastische Eingriffe von außen betrachtet werden. Hinzu kommt, dass weder Hamilton noch andere Bischöfe Tendenzen zeigten, den eigenen Lebensstil zu reformieren. Gordon Donaldson führt darüberhinaus an, dass das Papsttum bereits auf dem Weg war, aus der „Scottish ecclesiastical machinery“ verdrängt zu werden. So war schon vor den aktiven Zeiten Knox` eine gewisse Vorarbeit geleistet worden, die die Reformation erst ermöglichte. In der Einleitung zu Knox` History of the Reformation in Scotland nennt der Herausgeber William Croft Dickinson es eine Revolution, ein Aufstand der Menschen gegen die Kirche. Es ging dabei aber nicht nur um religiöse Aspekte, sondern wandte sich explizit auch gegen die bereits vorherrschenden politischen und sozialen Missstände des Landes. Auch dürfen die politischen Interessen Einzelner als Motor der Reformation nicht außer Acht gelassen werden. Die Annahme des protestantischen Glaubens diente auch vielen weltlichen Interessen und es ist davon auszugehen, dass nicht alle, die die Reformation unterstützten, auch der protestantischen Konfession angehörten beziehungsweise zu ihr konvertieren wollten. James Kirk spricht von einer verhältnismäßig späten Ankunft der Reformation in Schottland, was insofern zum Vorteil gereichte, als dass so eine Assimilation des bereits vorhandenen theologischen Materials Kontinentaleuropas ermöglicht wurde. Denn auch wenn bereits 1525 das Parlament in Edinburgh einen Erlass verabschiedet hatte, der den Import lutherisch gefärbter Schriften verbot, was das Vorhandensein derartigen Gedankenguts bestätigte - in der kollektiven Wahrnehmung brach sich der Gedanke an die Notwendigkeit einer Kirchenreform erst sukzessiv Bahn. Zu Beginn war die Reformation noch lutherisch geprägt. Ab etwa den 1540er Jahren ist eine Schwächung dieser Strömung spürbar. Madeleine Bingham sieht in den aufeinanderfolgenden Ereignissen des Martyriums Wisharts, der Ermordung Beatons und der Zeit Knox` als Galeerensklave für den Protestantismus eine günstige Fügung, denn ihrer Meinung nach brachte dies der Reformation die nötige öffentliche Aufmerksamkeit. Doch dies allein reichte nicht – es mussten Taten folgen. Aus dem Genfer Exil rief Knox zum Religionskrieg gegen Marie de Guise und ihre „Gemeinde Satans“ auf. Der überwiegend protestantische Adel schloss sich zu einer Widerstandsbewegung zusammen, heimlich unterstützt von Elizabeth I. von England.

Für die Reformer und Knox, der als ihr Sekretär und ihr Historiograph fungierte, entspann sich eine prekäre Situation. Sie wollten nicht nur Toleranz für ihren eigenen Glauben erwirken, sondern viel eher den katholischen vollständig ausmerzen. Da dies aber explizit die Religion der Herrschenden in Schottland war, bescherte ihnen ihr Vorgehen den Status von Rebellen. Es kam zu verschiedenen Kriegshandlungen, die mit dem am 6. Juli ratifizierten Treaty of Edinburgh beigelegt wurden, in dem die Reformer auf dem Abzug aller französischen Truppen aus Schottland bestanden. Boris Ford verortet mit der Rückkehr John Knox` nach Schottland im Jahre 1559 den endgültigen Sieg des Protestantismus. Und obwohl man für einen Prozess wie eine religiöse Reformation kein explizites Datum veranschlagen kann, so gingen nach Aussage Jenny Wormlands auch die Zeitgenossen Knox` daccord mit der von Ford formulierten Zeitangabe. Bereits zeitgenössisch war also die Wahrnehmung für die Signifikanz Knox` für die Reformation vorhanden. Doch muss auch hier der Bezug zu England ins Auge gefasst werden. Denn im selben Jahr verabschiedete Königin Elizabeth I. die Supremats- und Uniformitätsakte und gründete damit die Anglikanische Kirche. War ihr Vater noch eher Protestant pro forma gewesen, so war sie nun durch und durch dieser Konfession verschrieben. Dies brachte den europäischen Protestantismus insgesamt in eine bessere Position, was sich natürlich auch auf die erfolgreiche Entwicklung der Konfession in Schottland auswirkte. Ab etwa den 1560er kann man von einer verstärkten Prägung durch John Knox sprechen, der zwar bereits vorher revolutionär aktiv war, ab dieser Zeit aber den Höhepunkt seiner Einflusskraft erreicht hatte. Doch sei noch angemerkt, dass um 1560 der Großteil der schottischen Population noch immer katholisch war, denn obwohl in der Retrospektive die Glanzzeit der Reformationsbewegung für diese Zeit veranschlagt werden kann, so stand doch noch der langwierige Prozess der Etablierung einer protestantischen Zentralkirche bevor. Entstanden ist diese reformierte Kirche Schottlands bereits im Jahre 1560, mit durch und durch calvinistischer Prägung. Im Zuge dessen wurde der Calvinismus auch als Staatsreligion ausgerufen. Am 20. Dezember 1560 wurde die erste Versammlung der Universal Kirk of Scotland abgehalten. Trotz dessen dauerte es aber noch bis zur Absetzung Mary Stuarts zu Gunsten ihres Sohnes James VI., bis die reformierte Kirche sich nicht mehr in einer prekären und ungewissen Lage befand. Zur Gründungszeit hatten die Protestanten bereits die Regierung bis zu einem gewissen Grad auf ihrer Seite, der Weg zur Staatsreligion war somit geebnet. Die Einflusskraft Knox` im Schottland seiner Zeit wird vor allem bei besagter Etablierung der Kirche deutlich. Die Parallelen zum Genfer Modell sind unübersehbar, was in der ideellen Nähe von Knox und seinem Mentor Johannes Calvin begründet sein mag. Knox ist Vermittler zwischen europäischer und schottischer Reformation. Ein Teil des Gedankenguts aus Frankreich lief wohl auf seinem Weg nach Schottland über Knox, der dem Ganzen seinen persönlichen Stempel aufdrückte. Zwar ist es aufgrund der frankophilen Herrscherinnen Mary de Guise und ihrer Tochter, Maria Stuart, und deren politischen Kurses, aus Schottland eine französische Provinz zu machen, schwer zu sagen, welche französischen Einflüsse durch Knox ihren Weg zur Reformationsbewegung fanden. Doch scheint Knox sich vor allem in strukturellen Dingen an Frankreich orientiert zu haben, war es doch im Gegensatz zu Calvins Genf ein calvinistisch geprägtes Land, das ihm leichter als eine Stadt als Vorbild dienen konnte.

Noch ein Aspekt, der die Gesellschaft Schottlands mitveränderte, ohne die erfolgreiche Reformation jedoch nicht denkbar gewesen wäre. Denn die traditionelle Sparsamkeit der Schotten, auch heute noch oft als Geiz karikiert, hatte ihren Urpsrung nur zum einen in der blanken Notwendigkeit eines von Armut geprägten Landes. Zum anderen liegt sie aber auch in der religiösen Hinwendung zum calvinistischen Glauben begründet, in dem die Arbeit als elementare Pflicht betrachtet wurde und man Verschuldung und finanzielle Abhängigkeit von anderen als Schande betrachtete. Getreu dem Motto „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ versuchten die Schotten, derartigem vorzubeugen. Dies hatte einen Kapitalüberschuss zur Folge, was die Ausbreitung und Entwicklung der Industrie begünstigte und Schottland so Alternativen aus der Armut bot.

Trotz der Offensichtlichkeit, dass es sich bei Knox um einen Anhänger Calvins gehandelt hat, sind Unterschiede in der Umsetzung der Lehre wahrnehmbar. Zuerst einmal ist da die Divergenz der zu reformierenden Gebiete. Mit Genf, einer kontinentaleuropäischen Stadt mit lediglich vier Kirchen und einer relativ homogenen, wenn auch nicht einheitlich nationalen Bürgerschaft, hatte es Calvin im Verhältnis zu Knox relativ einfach. Denn dieser sah sich einer weit komplexeren Aufgabe gegenüber. Schottland, am Rande Europas gelegen, war in sich bereits so in High- und Lowlands geteilt, dass man beinahe von zwei separierten Ländern sprechen konnte. Im Vergleich zur Stadt Genf war es ein großes und wildes Land, geprägt von anarchisch-feudalen Strukturen. Aber nicht nur mit Blick auf die Ausgangssituation ergeben sich Unterschiede, auch bei näherem Blick auf die Umsetzung der theologischen Inhalte wird man fündig. Gemein ist beiden Reformatoren, dass sie die Bibel zur Grundlage ihrer Theologie machten. Calvin jedoch sah, dass man sich von manchen Dingen des Alten Testaments nur inspirieren lassen konnte und eine eins-zu-eins Übertragung auf die Gegenwart des 16. Jahrhunderts oftmals nicht möglich war. Knox hingegen nahm das Alte Testament vielmals wörtlich und sah es als akkurate Anleitung für sein politisches Handeln. Während Calvin auf lange Sicht eher eine Harmonie zwischen Kirche und Staat anstrebte, so hatte Knox erklärt das Ziel, den staatlichen Einfluss auf kirchliche Belange zu beschränken. Seiner Ansicht nach sollte der Staat bestimmte Aufgaben zugewiesen bekommen, die dem Gedeihen der protestantischen Kirche in Schottland dienlich wären, ihre Unabhängigkeit aber nicht beschnitten. Den wohl eklatantesten Unterscheidungspunkt findet man, blickt man auf die Ansichten und Ausführungen bezüglich des bewaffneten Widerstands gegen die Obrigkeit. Calvin ist vehement dagegen, billigt höchstens der untergeordneten Obrigkeit ein Recht zur Auflehnung gegen die Fürsten zu. Anfänglich stimmte Knox diesen Ansichten noch zu, wobei fraglich ist, ob es sich dabei lediglich um Lippenbekenntnisse gegenüber seinem hochangesehenen Lehrmeister handelte. Aber die Thronbesteigung der katholischen Mary Tudor in England und die damit einhergehende Verfolgung der protestantischen Glaubensgemeinde – ihr Beiname Bloody Mary kam nicht von ungefähr - änderten Knox` Ansichten. Er erweitert die calvinistische Sichtweise insoweit, dass wenn ein Eingreifen seitens der unteren Fürstenränge nicht absehbar sei, auch das Volk ein Recht auf bewaffneten Widerstand hätte. Hier liegt ein Verweis zu bereits genanntem John Major nahe, dessen Lehren ebenfalls derartiges umfasste. Im Falle eines katholischen Herrschers, wie Mary Tudor es war, spricht Knox sogar von einer Pflicht, sich zu erheben. Diese Abänderung im schottischen Calvinismus ist wohl mit den äußeren Umständen zu begründen, mit denen Knox sich im Gegensatz zu Calvin auseinandersetzen musste. Während Calvin mit Genf die Hauptstadt des Protestantismus geschaffen hatte, stand die Reformation in Schottland keineswegs bereits auf so sicheren Füßen. Diese Unsicherheiten und die politisch-religiöse Unstetigkeit erscheinen als logische Gründe für die andersartige Sicht Knox` auf eine Thematik wie bewaffneten Widerstand gegenüber der Obrigkeit, denn im Gegensatz zu Calvin hatte er es des Öfteren mit andersreligiösen, für seine eigene Person und seine Glaubensgenossen bedrohlichen Herrschern zu tun. Den vergleich abschließend kann man sagen, dass der schottische Calvinismus im Ganzen Calvins Lehre folgte, in deren Umsetzung aber weitaus radikaler vorging. Dies liegt zum einen in der schottisch-englischen Situation begründet, zum anderen in der Persönlichkeit von Schottlands bedeutendstem Reformator selbst. W. Stanford Reid charakterisiert die schottische Reformation auf eine prägnante Art und Weise, wenn er sagt: „[...] it was a Calvinism well suited to the intellectual, social, and physical climate of Scotland“.

Warum der Calvinismus in Schottland einen derart einschlagenden Erfolg hatte, ist nicht linear zu beantworten. Es handelte sich um ein Zusammenspiel verschiedener Länder, Herrscher und Reformatoren. Der Calvinismus traf in Schottland, dank der geleisteten Vorarbeit, den Nerv der Zeit. Der im Herrscherhaus Schottlands vorherrschende katholische Glaube hat die Reformation, die Revolution von unten, maßgeblich bedingt. Aber insbesondere die Schwäche dieser Herrscher hat den Protestanten die nötigen Entfaltungsparameter ermöglicht. England war teils passiver Faktor, wenn es als Feind oder auch als Zufluchtsort wahrgenommen wurde. Aktiv mag man es unter Elizabeth I. fassen, die aus religiösen, expansionspolitischen und persönlichen Gründen zur Sicherung ihres Thrones Einfluss nahm auf die Geschehnisse im Norden. Als Reformator ist natürlich zuerst der porträtierte John Knox zu nennen. Und wenn er auch nicht der einzige war, so war er doch der bekannteste und der einflussreichste religiös motivierte Revolutionär des Schottlands seiner Zeit. John Major und George Wishart sind hier ebenfalls zu nennen, haben sie doch maßgeblichen Anteil an Knox` Werdegang und Hinwendung zum Calvinismus gehabt. Man möchte beinah meinen, Knox sei Calvinist gewesen, bevor er Calvinist wurde. Denn der Grund, warum er den Calvinismus so leicht zu adaptieren vermochte, war, dass seine eigenen Ansichten bereits große ideelle Nähe zu Calvins Lehre aufwiesen. John Knox hat die Reformation in Schottland nicht begründet. Aber er hat maßgeblich dazu beigetragen, sie calvinistisch zu färben und zum Erfolg zu führen. Ich würde mich dem zitierten W. Stanford Reid anschließen, der es als Anpassung des Calvinismus an die Kondition Schottlands bezeichnete. Knox war der Knotenpunkt, an dem alles zusammenlief. Er band die Ansichten von Major und Wishart, die Lehre Calvins, die Umsetzung derer in Genf und Frankreich zu einem Konglomerat zusammen und modifizierte sie für die schottischen Prämissen. Er verstand es, in den unsicheren politischen Gewässern einen Weg zu finden, teils durch Flucht, teils durch mehr oder minder direkten Angriff. Oft wird ihm in der Retrospektive vorgeworfen, er sei nicht bereit gewesen, als Märtyrer für seine Sache zu sterben. Es mag dahingestellt sein, warum er nicht auf dem Scheiterhaufen endetet; Fakt ist, dass ohne die Person John Knox, mit all seinen persönlichen Eigenheiten, die Reformation in Schottland wohl einen anderen Verlauf genommen hätte; vielleicht wäre es auch nur bei einer singulären historischen Episode geblieben.

Katrin Jahn B.A.

Katrin Jahn B.A. hat Anglistik/Amerikastudien und Geschichtswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum studiert. In ihrer Abschlussarbeit hat sie sich intensiv mit dem zweiten Jakobitenaufstand und dessen Nachwirkungen beschäftigt. Diese trägt den Titel "Die Wahrnehmungsebenen des zweiten Jakobitenaufstandes – die Realität des 18. Jahrhunderts und die Romantisierung des 19. Jahrhunderts“.

Literaturverzeichnis:

Quellen:

Knox, John: History of the Reformation in Scotland Volume I, hrsg. von William Croft Dickinson, London u.a. 1949.

Laing, David (Hrsg.): The Works of John Knox, Volume 6, Edinburgh 1966.

Darstellungen und Beiträge:

Brandes, Friedrich Heinrich: John Knox, der Reformator Schottlands, Elberfeld 1862 (Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformierten Kirche, Bd 10).

siehe auch: Brandes, Friedrich H. John Knox, der Reformator Schottlans, o. O. 2010 (Reprint).

Ford, Boris: Sixteenth Century Britain, Cambridge 1988. (The Cambridge Cultural History of Britain Volume 3)

Donaldson, Gordon: Scotland. Church and Nation through Sixteen Centuries, Edinburgh u. London 1972.

Kirk, James: The Influence of Calvinism on the Scottisch Reformation, in: Gamble, Richard C.: Calvinism in France, Netherlands, Scotland, and England, New York u. London 1992, S. 217-239.

Lang, Andrew: John Knox and the Reformation, New York 1967.

Muir, Edwin: John Knox. Portrait of a Calvinist, New York 1929.

Reid, W. Stanford: John Calvin, John Knox, and the Scottish Reformation, in: Gamble, Richard C.: Calvinism in France, Netherlands, Scotland, and England, New York u. London 1992, S. 177-187.

Ridley Jasper: John Knox, Oxford 1968.

 

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