Begriffsdefinition: Villikation

Eines der „klassischen“ Themen der mittelalterlichen Geschichte, das Generationen von Historikern beschäftigt hat (und immer noch beschäftigt), ist das Phänomen der Grundherrschaft. In der Zeit des Frühmittelalters tritt es insbesondere in der Form der sogenannten Villikationsverfassung auf, einer Kombination aus einem Herren- oder Fronhof und von diesem abhängigen Bauernstellen.

Begriffsgeschichtlich handelt es sich beim Wort „villicatio“ um eine Ableitung des klassisch-lateinischen Terminus „villicus“, der den Verwalter eines Hofes bezeichnet, wobei es sich bei der mittelalterlichen Funktion dieses Wortes nicht nur um eine einfache Berufsbezeichnung, sondern immer auch um eine Person mit einer speziellen Rechtsfunktion handelt, worauf später noch einzugehen sein wird.

Entstanden ist das Villikationssystems zunächst im Zentrum des Frankenreiches, also innerhalb des Gebiets zwischen Rhein und Loire. Dies geschah unter dem Einfluss des fränkischen Königtums und wurde begünstigt durch gute landwirtschaftliche Produktionsbedingungen. Zu datieren ist die Entstehungsphase des Villikationssystems in das 7. und 8. Jahrhundert, wobei kein Zusammenhang zur älteren gallorömischen Wirtschafts- und Organisationsform des „fundus“ besteht. Das Villikationssystem ist innerhalb des Frankenreichs keineswegs einheitlich ausgeprägt, es gibt vielmehr deutliche regionale Unterschiede. Im 9. und 10. Jahrhundert erreichte die Villikationsverfassung ihre größte Blüte, hierzu trugen vor allem die Gründung neuer, großer Klöster im ostrheinischen Deutschland und die Neugewinnung von Siedelland durch Rodung bei.

Der Begriff Villikation bezeichnet eine Einheit, bestehend aus einem Herrenhof (lat. curtis) und mehreren Bauernstellen (lat. mansus), deren Inhaber dem Grundherren Abgaben leisten mussten und auf dem Herrenhof eine bestimmte Menge an Diensten ableisteten, wobei die Menge der Dienste und Abgaben je nach örtlicher Rechtssituation schwankte. So gab es größere Grundherrschaften, zum Beispiel das Krongut des Königs oder die Besitzungen einzelner Klöster, die über geographisch weit voneinander entfernten Grundbesitz bzw. weit auseinander liegende Herrschaftsrechte verfügten. Die mittelalterlichen schlechten Kommunikations- und Logistikverhältnisse berücksichtigend, konnten diese nur mittels einer dezentralen Form der Administration für den, natürlich auf seinem Ertrag bedachten, Grundherrn nutzbar sein. Daher entwickelte sich eine dreigeteilte Sonderform des Villikationssystems, bestehend aus dem Grundherrn, dem auf einer Zwischenebene die Meier (villici) unterstanden, und schließlich den in einer Villikation unter dem villicus stehenden zusammengefassten abhängigen Bauern. Allerdings wird ein großer Teil der Grundherrschaften aus nur wenigen abhängigen Höfen bestanden haben, die einem in der sozialen Schichtung entsprechend niedriger stehendem Grundbesitzer, zum Beispiel einem Angehörigen des „niederen Adels“ gehört haben (siehe: Aubin/Zorn 1971, S. 99). In diesen Kleinst-Villikationen übernahm der Grundherr natürlich selbst die Aufgaben des villicus, die dieser zum Beispiel in einer klösterlichen Grundherrschaft besaß.

Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal der grundherrschaftlichen Organisationsform der Villikation im Verhältnis zur sogenannten Abgabengrundherrschaft sind die Dienste, die von den zur Villikation gehörigen Bauern auf dem unmittelbar zum Fronhof gehörigem Land des Grundherrn, dem sogenannten Salland (terra salica), zu leisten waren. Ihre Existenz zeigt, dass der Hof des Grundherren innerhalb der Villikation nicht als reine Sammelstelle für Abgaben fungierte, sondern daneben einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Bedarf an Arbeitskräften bildete. Weiterhin verfügten manche Villikationen über eigene handwerkliche Produktionsstätten, die teilweise von Frauen betrieben wurden. In diesen Produktionsstätten wurden im Frühmittelalter oft nicht anders, oder nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand erhältliche Gegenstände des täglichen Bedarfs hergestellt, was den Charakter des Villikationssystems als Mittel zur Deckung des herrschaftlichen Bedarfs verdeutlicht. Zu den innerhalb der Grundherrschaft hergestellten Handwerksprodukten zählten beispielsweise Textilien, aber auch Schmiedewaren und ähnliche, für die Aufrechterhaltung des landwirtschaftlichen Betriebes notwendige Dinge. Diese Produktionsform konnte sich allerdings in der Auflösungsphase des Villikationssystems im 12. und 13. Jahrhundert oft nicht gegen die qualitativ besseren Erzeugnisse der städtischen Berufshandwerker durchsetzen. Abgesehen von den mittels der Frondienste dem Grundherrn zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte gab es auf dem Herrenhof natürlich auch eine Gruppe unfreier Knechte und Mägde, die neben der Tätigkeit im landwirtschaftlichen Bereich des Herrenhofes auch in diesen handwerklichen Produktionsstätten eingesetzt werden konnten.

Die Bauern einer Villikation besaßen selbst eine Hofstelle (mansus), die nicht nur aus dem eigentlichen Hofgebäude bestand, sondern auch einen Streifen Land. Hieraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Verwendung des lateinischen Begriffes „mansus“ hin zur Bezeichnung eines Flächenmaßes. Diese Hofstelle sollte, nach Abzug der Abgaben, den zum Lebensunterhalt notwendigen Bedarf der Bauern in einem normalen, nicht von Katastrophen heimgesuchten Jahr decken können.

Die Leitung des Fronhofes war, sofern dieser nicht selbst vom Grundherrn bewohnt und bewirtschaftet wurde, Aufgabe des Meiers (villicus). In seinen Aufgabenbereich, der für die Königsgüter unter anderem durch das „capitulare de villis“ definiert wurde, fiel unter anderem die Bewirtschaftung des Sallandes und die Überwachung der Frondienste. Weiterhin war er für die Eintreibung der diversen Abgaben der Bauern seiner Villikation verantwortlich. Als Vertreter des Grundherrn leitete er außerdem das Hofgericht, übernahm also eine Funktion im Rahmen der niederen Gerichtsbarkeit, die durch die anfallenden Gerichtseinnahmen auch wirtschaftlich für den Grundherrn nicht ohne Bedeutung war.

Die Auflösung des Villikationssystems beginnt im 12. Jahrhundert. Hierbei hat unter anderem die beginnende Blütezeit der Geldwirtschaft einen gewichtigen Anteil, sie sorgt dafür, dass die im alten Villikationssystem in der Form von Diensten und Naturalabgaben an den Grundherrn geleisteten Zahlungen nun wesentlich einfacher in Geldform abgegolten werden können, zumal es im aufkeimenden Städtewesen auch genügend Märkte gibt, auf denen diese Einnahmen ausgegeben werden können. Dazu kommt, dass es für die Grundherren wirtschaftlicherer wurde, die Handwerksprodukte, die bislang auf dem Fronhof hergestellt wurden, bei spezialisierten städtischen Handwerkern einzukaufen.

Das Villikationssystem verlangte darüber hinaus einen hohen Verwaltungsaufwand, speziell, wenn es sich bei der betreffenden Grundherrschaft um ein großes Gebilde mit differenzierten Abgabenregelungen und einer großen geographischen Ausdehnung handelte. Schließlich konnten die Grundherren nicht ständig auf allen Fronhöfen anwesend sein, was nicht selten zu größeren Veruntreuungen durch die Meier führte. Gerade die räumliche Distanz zwischen Grundherr und villicus führte oft dazu, dass es auf Seiten der Fronhofverwalter zu einer gewissen Tendenz der Verselbständigung kam. Das Problem verstärkte sich dadurch, dass sich im Laufe der Zeit eine qualifizierte Schicht von villici gebildet hatte, die nach größtmöglicher Unabhängigkeit vom Grundherren strebte, was zu einer Umwandlung des Amtes des Meiers in ein erbliches Lehen führen konnte. Damit aber war die Bindung zwischen der entsprechenden Villikation und dem Grundherrn wesentlich schwächer geworden. Dies aber war ein Vorgang, der nicht im Interesse des Grundherrn liegen konnte und bei entsprechenden Tendenzen zur Auflösung der Villikation führen konnte.

Auch in Bezug auf die dienstpflichtigen Bauern kam es zu Schwierigkeiten, die die allmähliche Auflösung des Villikationssystems beschleunigten. Hierzu zählen vor allem die im 11. Und 12, Jahrhundert noch bestehenden Dienstpflichten der Bauern. Sie bedeuteten in der Konsequenz für den einzelnen Bauern immer eine Vernachlässigung seines eigenen Hofes zugunsten des Fronhofes des Grundherren. Hinzu kam, dass es im 12. Jahrhundert durch das aufkommende Städtewesen nunmehr eine Alternative für die Bauern gab, die vorher nicht in diesem Maße existiert hatte.

Die Auflösung einer Villikation entspricht praktisch einer Umwidmung des Fronhofes und vor allem des Sallandes, welche sich im Rahmen eines solchen Rechtsvorgangs auf verschiedene Weise ereignen kann: Die einfachste Möglichkeit ist die komplette Verlehnung des Fronhofes an einen einzigen Bauern, hierbei bleibt also eine rechtliche und wirtschaftliche Einheit erhalten. Andere Möglichkeiten waren die Aufteilung in entweder selbständige oder unselbständige Bauerngüter. Ähnlich wie bei der Ausbildung des Villikationssystems werden hier jedoch ebenfalls verschiedene regionale Unterschiede und Besonderheiten deutlich.

Konsequenz der allmählichen Auflösung des Villikationssystems ist schließlich eine rechtliche Verbesserung der Bauern, was schließlich auch zu einer leistungsfähigeren Landwirtschaft führte.

Benjamin Lassiwe M.A.

Literatur

Aubin, Herrmann, Zorn, Wolfgang, Handbuch der dt. Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 1, Stuttgart 1971.

Rösener, Werner, Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter (=Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 13.), München 1992.

Ders., s. v.: Villikation, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von der histor. Kommission bei der bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. , München/Zürich , Sp.1694-1695.

Theuerkauf, Gerhard, s. v.: Villikation, in: Handwörterbuch zur dt. Rechtsgeschichte, hg. von Adalbert Erler, Ekkehard Kaufmann und Dieter Werkmüller, 36. Lieferung, Berlin 1993, Sp. 919-923.

 

Benjamin Lassiwe M.A. hat mittelalterliche Geschichte in Berlin, Odense, und Greifswald studiert. Er ist freier Journalist und berichtet für zahlreich regionale und überregionale Zeitungen.

 

Erläuterungen zum Titelbild
"Kalendarium Salzburg"

Wien, ÖNB, Cod. 387, fol. 90v und München, BSB, Clm 210, fol. 91v

Die hier vorliegende Buchmalerei, die uns in zwei Codices erhalten ist, ist eine der bekanntesten mittelalterlichen Darstellungen landwirtschaftlicher Arbeiten im Jahreszyklus. Als Entstehungszeit finden sich in der Literatur verschiedene Datierungen, die von 809 bis 818 reichen.

Links und Literatur zur Abb.

Friedrich Simander, Marina Pippal, Illuminierte Handschriften aus Österreich (ca. 780 - ca. 1250).

Norbert Jung, Jeder Bauer und jede Bäuerin mussten Fronarbeit leisten. Landwirtschaft und Grundherrschaft in fränkischer Zeit, in: Praxis Geschichte, 3/2004, S. 16-19.

Joachim Henning, Landwirtschaft der Franken, in: Die Franken. Wegbereiter Europas, Bd. 2, Mainz 19962, S. 774-785.

 


Abbildungsnachweis: de.wikipedia.org .

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